Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1887)
- Article
- Das schwarze Buch
- Date
- 1887-05-19
- Page
- 311 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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311 Das schmrre Auch. Von Friedrich Rott. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Ihr Vater wechselte abermals einen bezeichnenden Blick mit seiner Schwester, dann fuhr er mit einem gewissen feierlichen Ernst fort. ״Das kümmert Dich allerdings, mein liebes Kind. Herr von Fclscustein ist, wie bereits erwähnt, eine hochangcsehcne Personlichkeit, ich wünsche, daß Du ihm mit besonderer Hochachtung und Liebenswürdigkeit begegnest." ״Wenn ich nur wüßte, wie ich das machen soll," lachte das muthwilligc Mädchen. ״Mußt ihm Deinen Federball auf die Nase schlendern," entgcguetc Frau Meierhof lächelnd. Henriette lachte noch herzlicher. ״Scherz bei Seite, licbcS Kind. Im Lause des heutigen Nachmittags werden die Herren von Felsenstein ankommcn und den Abend bei uns verbringen. Ich wünsche, daß Deine Toilette ebenso elegant als kleidsam sei." ״Soll ich in Balltoilctte erscheinen, Papa?" ״Uebermnthiges Kind," tadelte Herr Werthcim. ״Zwar gefällt mir Dein Frohsinn, er kleidet Dich allerliebst, doch was Deine Toilette betrifft, so Wunsche ich, daß Du Deine Tante zu Nathe ziehst." ״Wenn Du es wünschest, Papa, daS will ich gern thun. Aber sage mir nur, weshalb legst Du gerade heute so großen Werth auf meine Toilette? sind denn die Herren von Felscnstein so große Narren?" ״Wenn Du Dir nur das Spötteln abgcwöhnen wolltest! — Doch um Deine Frage, weshalb ich heute jo besonder» Werth auf Deine Toilette lege, zu beantworten, thcilc ich Dir nur mit, daß der Besuch jener beiden adeligen Herren weniger.mir, als meiner Tochter gilt." ״Mir?" fragte das junge Mädchen mit unverholenem Erstaunen, ״was können die Herren von mir wollen?" Herr Werthcim zuckle lächelnd die Achseln. ״Kannst Du das wirklich nicht errathcn? — Herr von Felscnstein senior ist zwar schon ein älterer Herr, aber er hat doch die ziemlich weite Neise hierher nicht gescheut, um die junge Dame kennen zu lernen, die sein Sohn ihm eventuell als Schwiegertochter Zufuhren möchte." ״Aber Papa!" rief Henriette, indem dunkle Gtnth ihr liebliches Antlitz überzog, ״das kann doch Dein Ernst nicht sein." ״Und warum nicht, UebcS Kind? — Du wirst im nächsten Monat neunzehn Jahre alt, weshalb sollte ich da nicht in! Ernst an Deine Verheirathung denken können? — Deine gute selige Mama zählte kaum achtzehn Jahre, als wir uns verlobten." ״Aber Mama war Deine Konsinc, Ihr hattet Euch von Kindheit an gekannt, daö war etwas ganz Anderes." Der Vater blickte sic lächelnd an. ״Du bist doch noch ein rechtes Kind. — Lerne Herrn von Felscnstein nur erst kennen, er sott ein sehr schöner junger Mann sein, liebenswürdig, steinreich und Inst but not least Baron! — Bedenke, meine kleine Henni — Frau Baronin von Felscnstein! — wie das so Prächtig klingt." Dunkele Gluth überzog das Angesicht dcS jungen Mädchens, ihre Lippen bebten, sie hatte den Blick gesenkt und gewahrte nicht den frohlockenden Ausdruck in dein Antlitz ihres Vaters, der ihre sichtliche Erregnng mißdeutet hatte. ״Mache Dich schön, mein liebes Mädchen," sagte er, indem er liebkosend ihre erglühenden Wangen streichelte, ״und vertraue Deinem Vater, dessen höchstes Streben dem Glücke seines einzigen Kindes gilt." ״Lieber Papa!" flüsterte sic, indem sic seine Hand an ihre Lippen zog, ״lieber, guter Papa —" Er neigte sich zu ihr und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. ״Meine liebe kleine Henni — Frau Baronin in spe —" Sie schüttelle abwchrcnd ihr liebliches Köpfchen. ״Nicht doch, Papa, nicht doch — Fräulein Henriette Werthcim, daö klingt weit schöner." Er lachte herzlich. ״Wie sich die Kleine ziert! — Nun, nun, man kennt dergleichen. — Doch es ist Zeit, daß ich ins Komtor komme. Also Fräulein Henriette Wertheim, ich rechne auf die schönste, eleganteste Toilette. Addiu mia eara.״ Er nickte seiner Schwester lächelnd zu, kniff das junge Mädchen in die rosigen Wangen und verließ in heiterster Stimmung das Frühstückzimmcr. Frau Meicrhof blickte ihm kopfschüttelnd nach und dann aus ihre Nichte, die die frohe-Stimmung des Vaters keineswegs zu theilen schien. Das erfahrene Auge der Frau erkannte sofort, daß das, was ihr Bruder als mädchenhafte Ziererei betrachtete, einen weit ernsteren Hintergrund haben mußte. ״Nun, Kind," begann sie endlich, nachdem sie vergebens erwartet, daß das junge Mädchen daS Schweigen brechen werde, ״nur müssen Deine Garderobe Nevuc passiren lassen, wollen wir uns nicht in Dein Zimmer begeben?" Sie hatte bei dicsin Worten ihre Hand auf Heuriettenö Schulter gelegt, die erst darauf hin daS Antlitz langsam hob und zu der milden, gütigen Frau emporschaute. Daß hierbei eine Thräne ihrem Auge entglitt, mochte sie selbst kaum wissen.