Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1887)
- Article
- Das schwarze Buch
- Date
- 1887-05-12
- Page
- 296 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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296 grau seinen Haushalt und die Erziehung seiner Tochter qclcitct hatte, war um mehrere Jahre älter als ihr Bruder, glich ihm in auffallender Weise, nur jener erwähnte Zug fehlte in ihrem Gesicht, aus dem seltene Güte und Sanftmuth sprachen. Seine einzige Tochter Henriette, eine liebliche Mädchcngestalt von ungefähr neunzehn Jahren, war das unverkennbare Ebenbild ihrer früh verstorbenen Mutter. Ohne geradezu eine auffallende Schönheit zu sein, hatte sie ungemein sympathische Züge. Blondes Haar, Hellen, rosigen Teint und wunderbar schöne funkelnde Augen. Die Farbe dieser Angen ließ sich jedoch schwer bestimmen, bald erschienen sie grau, bald dunkelblau, hin und wieder konnte man sie für schwarz halten, Frau Meierhof behauptete, sie hätten die Farbe des Himmels, wenn dunkle Gewitterwolken ihn überziehen. ״El)e ich daran vergesse, Hcnni," wandte sich Herr Wertheim an die ihm gegenübersitzcnde Tochter, ״ich möchte Dich doch ersuchen, mitDeinen Spielereien etwas vorsichtiger zu sein, ein erwachsenes Mädchen sollte doch etwas mehr la<hlike fein; gestern wäre ich in der That in Verlegenheit gekommen, Dein Federball ist, als wäre mit Absicht daraus gezielt, dem Buchhalter aus die Rase gepflogen." Henriette erröthete über und über. ״Pardon, Papa," cntgcgnete sie lachend, ״ich wußte nicht, daß Du in der Rühe warst, aber Leo nimmt einen derartigen Scherz nicht übel." . . Hcrr.Wcrthcim zog die Stirn in Falten. ״Warum nennst Du den jungen Mann bei seinem Vornamen? daö ist eine. Vertraulichkeit, die ich nicht billige, ich habe Dir das schon wiederholt gesagt, und ebenso wenig kann ich gestatten, daß Du Scherz mit ihm treibst." ״Aber Papa —" ״Höre mich an, mein Kind. Leo Nnbcn ist aller-' dingS ein ganz braver junger Mann, und so lange Du ein Kind warst, hatte ich durchaus nichts gegen Deine Vertraulichkeit mit ihm. Er hat Dich einst mit Gefahr seines eigenen Lebens aus großer Gefahr gerettet, das dürfen wir ihm nie vergessen, und habe ich ihn daher schon seit..einer Reihe von Jahren mit dem besthonoi irtesten Posten in meinem Kontor betraut. Aber einen derartig vertraulichen Ton zwischen meiner erwachscncn Tochter und meinem Bediensteten kann ich nicht mehr gestatten. Ich bitte Dich ums Himmelswillen-,״wenn dasein׳ Fremder״ gesehen hätte, daß Du einen Federball ihm ins Gesicht geschleudert." ־;. ..Du hast Recht, Papa," cntgeguete das junge Mädchen, ״Derartiges soll nicht wieder Vorkommen, aber —". . *• ״Kein aber, liebes Kind- Dein ganzer Tou gegen meinen Buchhalter muß ein anderer, werden, das heißt, cS wird am besten sein, daß Dir wenigstens in nächster Zeit die Gelegenheit zu jeder vertraulichen Unterhaltung mit ihm genommen wird." ״Du wirst mich doch nicht c'mspcrren wollen," rief das junge Mädchen lachend. ״Da« wohl nicht," erwiderte er ebenfalls lächelnd. ״Aber ich werde dem jungen Herrn zu verstehen geben, daß wir am Sabbath Mittag aus seine Gegenwart verzichten können." Henriette wechselte die Farbe. ״Ach nein, Päpa," bat sie, ״thue das nicht — die selige Mama hat Leo für immer auf Sabbath Mittag eingeladen, da müßte cS ihn doch allzu sehr kranken, wenn Du — und ich verspreche Dir, ich werde nie wieder mit ihm scherzen." ״Du bist allzu sehr an den vertraulichen Ton gewöhnt, jetzt eben hast Du ihn wieder Leo genannt." ״Was ist denn dabei? ich habe ihn doch von je her so genannt, Mama hat nie etwas dagegen gehabt." ״Früher, das heißt, so lange Du ein Kind warst, habe auch ich nichts dagegen gehabt. Aber gegenwärtig bist Du erwachsen, da ist das etwas Anderes. Ramentlich jetzt —" ״WaS ist denn jetzt Besonderes, Papa?" fragte Henriette in der Absicht, dem. Gespräch eine andere Wendung zu Heben. ״Ich erwarte vornehmen Besuch," erwiderte Herr Wertheim mit einem geheimnißvottcn Lächeln. ״Vornehmen Besuch?" wiederholte das junge Mädchen. ״Wer wird kommen, Papa?" Herr Werthcim warf einen verständnißinnigen Blick ans seine Schwester, die denselben' lächcnd erwiderte. ״Ich erwarte zwei adelige Herren." ״Adelige Herren wollen Dich besuchen, Papa? daS wundert :!!ich in der That. . Gewöhnlich sind die Herren vom Adel sehr stolz, ich wenigstens habe noch nie mit einem Adeligen gesprochen." ״So. wird Dir heute zum' ersten Mal diese Ehre zu Theil werden." Henriette zuckte die Achseln. ״Kann gerade nicht behaupten, daß ich mir eine besondere Ehre daraus machen werde." ״Doch, liebes Kind, doch. Du darfst Dir eine besondere Ehre daraus machen, Herr von Felscustein ist Hofbankier.bei nnfcnit Landesherren." Sie zuckte abermals die Achseln. ״WaS fiimmcit daö mich?" '׳* ' (Fortsetzung folgt.) .