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Jeschurun · 1887-05-12 · Heft 19 (12.5.1887) · p. 295

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 19 (12.5.1887)
Article
Das schwarze Buch
Date
1887-05-12
Page
295 (sequence 1)
Language
German
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295 Ws MW Ach. Bon Friedrich Rott. ״־''־'—tNachdrnck verboten.) (Fortsetzung.) ״Wenn cö sich nur nur mich handeln würde — ich könnte mich einschränkcn, könnte mich mit sehr Wenigem begnügen. ' Aber id) habe meine Mutter zu ernähren, meine Mutter ist leidend, meine Mutter darf sich nicht einschränken, ich darf daher meinen Posten nicht' aufgeben." ״Da haben Sic Recht, unter diesen Vcrhältniffen müssen Sie ausharrcn, so schwer cS Ihnen auch werden mag. — Armer, junger Freund!. In Ihren Jahren empfindet man Derartiges unendlich schwer. — Ist denn die Verlobung schon eine bestimmte Thatsache?" Rüben zuckte die Achseln. ״Und' wenn sie eS nicht wäre," sprach er leise, ״ich dürfte mir dennoch keine Hoffnung machen. .Die einzige Tochter dcö reichen Mannes und ein armer Buchhalter." ״Freilich, freilich," stünmtc der Rabbi bei, ״begründete Aussicht hätten Sie nicht, auch wenn die betreffende Verlobung gegenwärtig nicht zu Stande kommen sollte. Doch glaube ich gehört zu haben, daß Sie im Hause Ihres Chefs eine bevorzugte Stellung rinnehmen." ״Herr Wertheimer ist allerdings von jeher sehr freundlich gegen mich gewesen, namentlich seiner verstorbenen Gemahlin schulde ich großen Dank," Der Rabbi fuhr sich mit der 'Hand über die 'Stirn. ״Haben Sie nicht vor Jahren der Tochter Ihres Chefs das Leben gerettet? — ich glaube etwas Derartiges gehört zu haben." ״Daß ich Fräulein Wertheimer in Wirklichkeit das Leben gerettet, könnte ich nicht behaupten, obgleich ihre verstorbene Mutter und sie selbst in Überschwang: . lichcm Dank cS oft erwähnt. ׳ Thalsache ist nur, daß es mir gelungen, die Pferde znm Stehen zu bringen, die mit dem Kinde dnrchgegangcn waren." ״Wobei Sie selbst schwer verletzt wurden." ״DaS kann ich.-.allerdings nicht in Abrede stellen. Doch habe ich diesen ganzen Vorgang stets als Glück betrachtet. Ich war nämlich als sechszchnjährigcr Knabe ans gut Glück hlcrhergckommen. um mir einen Posten zu suchen, Ein Bekannter meines flligen Vaters hattezwar versprochen, sich für mid) zu bemühen, dod) hätte mir der Einfluß dieses schüchternen, ungewandten Menschen schwerlich viel genützt. Durch eben erwähnten Vorfall jedoch kam ich in daö HanS meines gegenwärtigen Chefs, Frau Wertheim selbst sorgte für meine Pflege, sie und ihr liebreizendes Kind haben oft Stunden lang an meinem Bette verbracht. Die gütige Dame Pflegte'mich den Lebensalter ihres Kindes zu nennen und lehrte die Kleine, mir zu danken und für meine Genesung zu beten. — Ob sie es wußte, daß Henriette halbe Nächte an meinem Bette gewacht? — daß sie die zarte Kinderhand oft au den Fenstern gekühlt, Um die pochenden Schläfen mir zn kühlen?—Thatsächlich linderte die Berührung ihrer lieben kleinen Hand oft die -heftigsten Schmerzen. — Nach meiner Genesung nahm mich Herr Wertheim in sein Kontor. .Ich schulde ihm vielen Dank, er war stets freundlich vgegen mich — und —" Die Lippen des jungen Mannes bebten,!seine Stimme sank abermals bis znm Flüstern. ״Er glaubte sicherlich, mir eine Freundlichkeit zu erweisen durch die Mitteilung von dem bevorstehenden Ereignisse in seiner Familie." ״Kennt Fräulein Wertheimer Ihre Gefühle?" Rüben zuckte die Achseln. ״BiZ zum heutigen Tage kannte ich sie selbst nicht — erst jene Mittheilnng hat nlich mir selbst klar ׳gemacht" ' ES entstand eine Pause. Der Rabbi schritt sinnend im Zimmer auf und nieder, hin und wieder blickte er forschend auf den jungen Mann, der in trüben Gedanken vor sich hinstarrte. Endlich blieb er vor ihm stehen und während er seine Hand auf des Andern Schulter legte, sprach er mit aufmunterndem Ernst: ״Muth, junger Freund, Mnth! — Mag es Ihnen auch noch so schwer werden, id) bin überzeugt. Sie werden sich selbst überwinden, und wäre Ihnen die Gelegenheit noch so günstig, Sie werden dem jungen Mädchen nicht vcrrathen, was Sie für dasselbe einfinden." ' -<׳ ״Um keinen Preis!" betheuerte Rüben. ״Aber — aber — wenn ich sie auch ihr verschweigen kann — ich kann sic nid)t ersticken, die wilde Sehnsucht meines Herzens — obgleich ich mir unaufhörlich das- GottcSgcbot vor Augen halte, das die Sehnsucht nach dem Weibe des Nächsten verbietet." ״Sic sind ein wackerer junger Mann," mtgegnete der Rabbi, ״ich bin überzeugt, Sie werden jenes Verbot nicht verletzen. Noch ist sie nid)t daö Weib eines Andern, und bevor sie cs wird, werden Sie 'mit Gottes Hülfe Ihre Sehnsucht bereits überwunden haben, davon bin id)' fest überzeugt." v # * ׳ ׳ ׳ . - Es ׳war in den Vornüttagsstnndcn, die Familie Wertheim befand sich beim Frühstück. Herr Wertheim, ein angehender Fünfziger,׳ war eine hohe, stattliche Erscheinung, sein Antlitz bekundete seltene Intelligenz; dennoch hatte ein sd)arfer Beobachter an einem gewissen Zug um den im klebrigen schön geformten Mund erkennen können,׳ daß er unter gewissen Umständen höchst unvernünftig handeln konnte. Seine verwittwete Schwester, Iran Meierhof, die seit dem MKLen seiner

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