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Jeschurun · 1887-04-28 · Heft 17 (28.4.1887) · p. 260

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 17 (28.4.1887)
Article
Antisemitismus
Date
1887-04-28
Page
260 (sequence 2)
Language
German
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׳260 ist aller als daö Christenthmn und findet sich auch in der vorchristlichen Zeit überall dort, wo sich die Inden zur Geltung zu bringen, politisch oder sozial bemerkbar zu machen wußten. Man kann annchmcn, der AntisemiriSmuS sei so alt als das jüdische Volk, und seine historisch nachweisbaren Spuren greifen bis in die Pharaonische Zeit zurück. -Die Geschichte der Juden im alten Aegypten, für welche man lange keine andere Quelle als die Bibel hatte, ist zwar noch nicht so klargcstellt, um ein sicheres Urtheil über die Motive zu gestatten, welche zur Verfolgung der Hebräer durch die Pharaonen führten. Aber wenn in neuerer Zeit ausgestellte׳ Hypothesen, daß die Bauten der großen Kanäle, insbesondere des Josephs-Kanals (Vahr el Iussuf), und die damit im Zusammenhänge stehenden großartigen Bewässerungsanlagen, deren Spuren die modernen: Techniker mit Interesse nachgehcn und welche gerade die von den Juden bewohnten Gegenden zn den fruchtbarsten im Lande machten,, ans die Konzeption der jüdischen Fremdlinge znrückzuführen seien, sich als richtig erweisen sollten, so. wäre damit der Schlüssel zum Verständnis; jenes Antisemitismus gegeben, welcher, an׳ Grausamkeit sich selbst immer mehr übertrcffcnd, in. seiner Brutalität zuletzt vor dem Morde unschuldiger Kinder, vor der Ertränkung aller von hebräischen Weibern geborenen Söhne nicht zurückschreckte. Man hat unlängst die Mumie dcS großen NamscS H. Miamcn, dcS Mulhmaßlicheii Urhebers dieses Mordsysten1S,'auS ihrem Felscngrabe hcranögcholt, in welchem sie mehr als drei Jahrtausende in Frieden geruht hatte. Sollte die Erinnerung an das Alter der Leiche dcS großen ägyptischen Antisemiten die Antisemiten unserer- Tage nicht daran gemahnen, in welche Zeit, unter welche NegicrungSform und in welche Sittenvcrhältnisse der Antisemitismus so recht eigentlich gehört, und daß cS eine geradezu mumienhafte Idee ist,' den Judenhaß, des ägyptischen Pharao, welcher ebenso wie rr selbst nur noch im historischen Museum seinen Platz hat, in daö Leben der Gegenwart einführen-zu wollen? Kann eS einen krasseren Anachronismus geben? Wir wollen dabei nicht leugnen^ daß ein konsequent durchgeführter Anachronismus immer.!)'!!! ein Standpunkt sein könne. ׳ES nmß sich ja nicht Jeder in der Gegenwart gefallen, dem Traume vergangenen Glückes folgt nur zu häufig ein Erwachen zuur Elend, und das Träumen ist so schön. Wenn der herab-׳ gekommene Gastwirt!) an der vereinsamten Heerstraße die gute alte Zeit der Extrapostcn' lobt und den vcrblichenen Glanz seines Hauses dadurch zu restanrircn sucht, daß er auf Pokirter Marmortafcl die Inschüft. anbringen läßt: ״In diesen! Hanse frühstückte A. I). 17 .,.. am so- und soviclten Kaiser Joseph, blieb A. D. 17 ... am so- und soviclten Grvßsürst Konstantin, weil an seiner Kutsche ein Rad gebrochen war, über Nacht", so ist daran nichts Verwunderliches. Das war ja für ihn die goldene Zeit, und auf. der-. Eisenbahn ist ihm sein Glück davongcfahrcn. Deshalb , mag er die Eisenbahnen nicht und die Zeit nicht, in welcher sie aufgckommcn sind; Watt, meint er, Hütte man henken und Stephcuson vierthcilcn sollen. Aber: der Mann schwärmt auch nicht für den Telegraphen, für gewerbliche Fortbildungsschulen und für Arbeiter-, kammern. Mau kann eben nicht ״zweien Herren dienen", nicht zugleich einander widersprechende Grundsätze vcrtreten, nicht zugleich Nothhaut und Weißgesicht,..Achsenfrächter. und Eisenbahn-Aktionär, indischer Fakir und. Professor der christlichen Theologie sein, oder, wie das Sprichwort sagt, nicht zugleich auf zwei Hochzeiten sitzen. Daß die französischen Lcgitimisten die Republik hassen, mag vorn republikanischen Standpunkte als Anachronismus angesehen werden. Aber sie nähen ihre weißen Lilien nicht auf die Trikolore und setzen keine Jakobinermützen ans. Der Antisemitismus ist in Bezug auf logische Widersprüche weniger skrupulös. Er ist, indem er den Judenhaß, nnd die Judenverfolgung ans einer glücklich überwundenen Vergangenheit ans die Gegenwart überträgt, ein Anachronismus, und er verrenkt alle Regeln dcS gesunden Denkens und ist ein Widerspruch in sich, indem er die Jndenhetze ans dem Boden des mobci'ncn Staates und unter Beibehaltungder Grundsätze will, auf welchen der moderne Staat aufgebaut ist. Man hat den Antisemitismus eine Verirrung genannt. Wenn inan ihn als ernste Krankheit be- ׳ zeichnen wollte, würde inan der Wahrheit-näher kommen. Denn von Verirrung zu sprechen, wo das ganze Denkvermögen außer Rand und Band gegangen ist, hätte nicht mehr und nicht, weniger Sinn, als wenn man von einem im Delirium unt sich schlagenden ThphnSkranken sagen wollte, er sei unwohl. Doch greifen - wir der kranken antisemitischen Logik etwas fcstcr an den Puls. ׳ ׳ ׳ .- Die Antisemiten lassen sich die Gegenwart mit ihren Kultursortschrittcu. mit ihren politischen nnd bürgerlichen Freiheiten gerne gefallen. Sie fordern dieausgedehnteste Bckenntnißfretheit, sie protestircn gegen; jede Schmälerung des Vereins- und VcrsammlungSrechtes, sie nehmen das Recht der freien Meinung-- Äußerung durch die Presse zur Propagirung ihrer Ideen ganz und voll in Anspruch, sie bezeichnen jede per-sün-!׳.che Bevorzugung oder Zurücksetzung bei Gewährung von Stipendien und Unterstützungen, Verleihung offene licher Acmter, Vergebung von Lieferungen ». s. w. als . Korruption, über welche sie mit einem Rigorismus zu Gerichte sitzen, daß MinoS, AeakoS und NhadamanthoSnoch bei. ihnen hätten lernen können; aber sie vermögen

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