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Jeschurun · 1887-04-07 · Heft 14-15 (7.4.1887) · p. 224

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 14-15 (7.4.1887)
Article
Ein Besuch in der Joden-Savanne
Date
1887-04-07
Page
224 (sequence 4)
Language
German
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kamen seine Vorfahren mit anderen angesehenen Israeliten als Flüchtlinge nach Surinam. Dieser nrchr als achtzigjährige Greis, der sich Abkömmling der Herzoge von Louzada nennt, bewohnt eine armselige, verfallene Holz- Hütte,, in welcher ,selbst fast die allernothwendigsten Möbel nicht zu finden sind. Seine einzige Gesellschaft ist eine alte, scheußliche inländische Frau; ich würde ihr den Namen einer Küchenmagd geben, wäre dieser Name nicht eine Ironie auf den an HungerSnoth grenzenden Zustand, in welchem Sample verkehrt. Seit langer Zeit unheilbar taub, lebt er allein in der Erinnerung desReichthumS und der Pracht, die er noch gesehen, trauernd über die entschwundene Größe, die er vor seinen Füßen in den Saud wegsinken, sah. Dieses Geistesleben in dem Gedenken'ciner früheren Zeit ist bei ihm in eine Art von ruhigem Wahnsinn übergegangen, der sich in endlos langen und verworrenen Erzählungen dessen, was er noch geschaut, äußert.. Solltest Du je, werther Leser, Deinen Fuß in unsere Westindischen Kolonien setzen und der stolze Surinam-Fluß Dich zu einer Fahrt längs seiner User verlocken, verweile dann einige Augenblicke in der ״Ioden-Savanna". — Kaum hast Du das Ufer betreten, so sichst Du einen ehrwürdigen Greis von hoher Gestalt, doch durch die Jahre gebeugt-und auf einem laugen Stabe sich stützend, auf Dich zukonnnen. Mit entblößtem Haupte, sich tief verneigend, tritt er näher. Er wird Dir als Führer in seinen! einsamen und abgelegenen Gebiete dienen. . Und kaum ist der erste Gruß gewechselt, so'beginnt er in einer unaufhaltsamen, oft unverständlichen Wortfluth seine Erzählungen und Seufzer über die Vergangenheit dieser seiner geliebten . ״Savanna", peinlich für Dich, wenn Du einen Blick ans die Sandfläche ringsum schlägst. Seine langgedchnte, eintönige Erzählung wird nur von Zeit zu Zeit, wem! er der früheren Herrlichkcit gedenkt, durch einen Ausruf des Wohlgefallens oder einen Seufzer unterbrochen, der - Dir durch die Seele schneidet. Ob Du auch trachtest, seinen Wortschwoll durch eine Frage zu unterbrechen, cs Hilst Dir nichts.— er kann es ja nicht hören. Und wenn er endlich merkt, daß Du ihn etwas fragen willst, dann beklagt er seine Taubheit in so. trauernder Weise, als ob dies daö Einzige wäre, wa-ö ihn! zu seinen! Glücke fehlt. Während dessen bist Du an seine Wohnung ge-.- langt, -wo -er die HoneurS macht, als befändest Du Dich in einen! Palaste, und nach den! er Dir den einzigen Stuhl angcbotcn, lenkt er sofort Deine Ans-.׳ merksamkeit auf drei verblaßte Oclgemälde in alten, wurmstichigen Nahmen. Zwei davon sind sein Vater und. Großvater, und der Enkel erzählt Dir, - wie sie beide sehr -alt geworden und hohe Würdenträger in. der Synagoge gewesen seien, 'deren Ruine, 'er, der Enkel bewacht und verehrt.- - Diese Bewachung dient ihm zugleich zum Lebens-. unterhalt, ba die Israelitische Gemeinde zu Parän!aribo ihm dafür jährlich ein Paar Hundert Gulden zahlt.. '— ES ist mdcß zu bezweifeln, ob diese Summe den alten Herzog vor dem Hungcrtode zu bewahren genügt. Nach dem Besuche bei den Bildern, seiner Vor- . fahren, folgt der Besuch der Synagoge. Innerhalb dieser verwitterten und verfallenen Mauern befindet sich Alles noch genau in dein Zustande, als der Obcrrabbiner seinen letzten Segen anssprach.' Mit tiefer Ehrfurcht zeigt Dein Führer Dir die halbzcrfallene rothe Sammt״ decke auf dem Pulte des Borbeters- — und inzwischen beschaust Du ängstlich den Boden, fürchtend, durch die wurmstichigen Bretter jeden Augenblick hinabzustürzen. Er zeigt Dir auch die Räume, wo die Bürger-. lichen Streitigkeiten von den Führern der Gemeinde geschlichtet wurden, und. mit einem Gefühle der Erleichtcrung verläßt Du das verfallene Heiligthunr. — Leer stehen die Zellen, leer, der alte Gerichtssaal; kalt, düster und öde sind die Gänge, in denen nur Dein .eigener Fußtritt das schlummernde Echo weckt. Das' Gras gedeiht ׳zwischen den marmornen Altartreppcn und Schinawtzcrpflanzcn ranken sich an den steinernen Wänden empor. Und UKint Sampie Dir nun wieder zu erzählen, beginnt, wie mau ihn! Unrecht gcthan, wie n!an ihm stets seine Adelsbriefe -vorcnthalten, und wie er mit. jeder Mail die Beweise seines herzoglichen Titels erwartet, — dann eilst Du, tief bewegt, ihm Lebewohl :3!! sagen, und sicher drückst Du ihn! einen klingenden Beweis Deineö Mitleids in die Hand. Tausend-׳und aber tausendmal steht er Gottes beste Segnungen auf Dein Haupt herab.' ... Willst Du ihn noch ferner beobachten, dann kannst Dn sehen, wie er, sobald die Sonne untergegangen,, die Synagoge betritt. In ihren wankenden Mauern vcrrichtet er jeden Abend.!!!!! diese Zeit ein langes Gebet, bevor er das seiner-Sorge anvertraute Heiligthum schließt.. Am Sabbath kleidet er sich in einen alten, abgenutzten schwarzen Frack und besucht das jetzt vcrlasscne Gebäude, in welchen! früher der Kommandant des Militairpostens ״Gelderland" wohnte. So lange der Posten besetzt war, machte er an diesem.Tage dem Kömmandantm stets einen Höflichkeitsbesuch. Jetzt setzt er diese Gewohnheit noch fort; er verweilt einige Zeit in einen! der Zimmer und entfernt sich dann, zufrieden,- seiner Pflicht genügt rn haben. ... . ׳ - Wer oder was er auch, sei, Herzog oder gewöhn-- licher Sterblicher, Louzada ist bektagenswerth.

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