Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 14-15 (7.4.1887)
- Article
- Ein Besuch in der Joden-Savanne
- Date
- 1887-04-07
- Page
- 222 (sequence 2)
- Language
- German
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222 Ein goldenes Zeitalter brach für sie an, nachdem Holland sich zum Meister von Brasilien gernacht hatte, und unter der ruhmreichen Negierung Moritz von Nassau nahmen sie an Ansehen und Ncichthum zu.. Wie bekannt, gingen die holländischen Verhältnisse nach der Abreise dieses kundigen Landvogtcö schnell zurück und gar bald verloren die Niederlande daS ganze, reiche Brasilien. Die Sonne des Glücks begann sich nun auch für die Juden zu verdunkeln; im Jahre 1654 wurde ihnen die freie Religionsübung und gar bald selbst der Aufenthalt auf portugiesischem Gebiete untersagt. Sie beschlossen, ihre Kolonie nach einem anderen Orte' zu verlegen, und viele von ihnen wählten sich dazu Surinam, . wo sie mit Freuden ausgenommen wurden, da sie sowohl wegen ihrer Lcmdbankunde, als wegen ihrer Neichthümer, zu Beiden großentheils in Brasilien gelangt, willkommene Gäste waren. Die damaligen Befehlshaber der Westindischen Kompagnie gewährten ihnen belangreiche Vorrechte, und das oben beschriebene Gebiet, nach ihnen ״Joden-Savanna" genannt, wurde ihnen im Jahre 1659 zum Aufenthalt angewiesen, mit der Erlaubniß, dort eine Kolonie zu gründen. Cs schien ihnen dort gut zn gefallen,, denn wir lesen, daß im folgenden Jahre 152 Juden aus Livorno nach Surinam famcn und sich daselbst unter ihren Glaubensgenossen niederließen. Die Savanua gelangte rasch zu großer Vtüthe, sie wurde der Vereinigungöpunkt; das Zentrum der Portugiesisch-Israelitischen Gemeinde. Die Zahl der Häuser, worunter viele große und schöne, stieg rasch auf 80 bis 100. So lesen wir, daß ״Rassy, ein Mann von großen Mitteln, auf eigene Kosten ein Krankenhaus für seine bedürftigen Glaubensgenossen bauen ließ", und ״daß die Stadt wiederholt ausgedehnt und verschönert wurde." So berichtet auch WolbcrS in seiner Geschichte von Surinam, daß jede Familie. die sich dort rnederließ, von den jüdischen Besitzern der mit־־ liegenden Plantagen vier bis fünf Sklaven, sowie die nöthigen Lebensmittel umsonst erhielt. Das größte Zierrath der neuen Stadt war die Synagoge, welche im Jahre 16*85 aus Ziegelsteinen erbaut wurde; sie war nach einer alten Beschreibung 90 Fuß. lang und 33 Fuß hoch und wurde von vier großen Säulen gestützt, über welchen sich eine schon ausgeführte Wölbung zur Bekleidung des Daches auSdchnte. An der einen Seite befand sich der Aufenthaltsort für die Frauen '), gegenüber der für die Männer, daselbst auch ein großer Schrank aus Zedernholz zur Aufbewahrung der Grsetzrollcn; dieser Schrank war sehr schön gearbeitet .*) Man übersehe nicht, daß diese ganze Schilderung einen Nichhudm zu!n Verfasser hat. und mit gut ausgeführtem Bildhauerwerk verziert. Die Synagoge prangte außerdem mit silbernen Kronen, mit denen die Gesetzesrollen bei feierlichen Gelegenheiten geschmückt wurden, und sonstigen Schmuckgegenständen aus gleichem Metall; sie hatte große messingne Kronleuchter mit vielen Armen und verschiedene Arten von Leuchtern, darunter sehr kostbare. Unter.der Synagoge, oder richtiger unter der Frauen-Abtheilung, war das PerwaltuugSzimmer und der Raum, wo daS Archiv auf-׳ bewahi t wurde; hier hielt auch ihr besonderer Gerichtshof seine Sitzungen ab. Die Parnassim wurden al? ihre gesetzmäßigen Regenten.betrachtet. Bis zum Jahre 1703 wurden selbst die nach der rabbin!scheu Auslegung des Mosaischeu Gesetzes vollzogenen Trauungen als gültig anerkannt. Auch eine gewisse Autonomie besaßen sie. So hatte ein aus ihrer Mitte gewähltes Tribunal u. A. das Recht und die Macht, diejenigen Glaubensgenossen aus der Kolonie zu entfernen, von denen cs irgend eilten Skandal befürchtete, und der Gouverneur von Surinam war verpflichtet, ein von dem Gerichtshof der ״Joden- Savanua" gefülltes Urthcil von politischer Entfernung zur Vollstreckung zu bringen. Im Jahre 1688 berichtete der Gouverneur Ban Sommelsdyk: ״In den Wohnungen der Angesehenen herrscht große Pracht, auf ihren Tafeln Ucppigkeit und Neichthum" und weiter: ״Die jährlichen Ausgaben ihrer Armenkasse und der drei Brüderschaften betragen durchschuittlich 12 000 Gulden." .-Die gesunde Luft, die man einathmete, die Freiheit, die mau genoß, das frohe Leben, das daselbst herrschte, alles das machte die Savanna zu einem angenehmen ׳Aufenthalte, und die Juden vermehrten sich im acht- , zehnten Jahrhundert derart, daß sie ein Drittel der weißen Bevölkerung von Surinam ausmachtcn. Besonders zur Feier des LaubhnttenfesteS wurde die Savanna stark besucht; die meisten Juden der Kolonie, sowohl diejenigen, welche auf den Plantagen, als auch diejenigen, welche in Paramaribo wohnten, kamen dort zusammen. Alle'Häuser waren mit Gästen angcfnllt, und Feste auf Feste wurden gefeiert. Die Juden hatten in Folge versehiedencr Umstände sehr an Wohlstand zugenommeu; eö wird berichtet, daß von den 400 Zuckerplantagcn, welche 1730 in Surinam׳ bestanden, 115, "großcntheils am Surinam-Flusse in der Nähe der Savanna, in Händen von Inden waren. Nur spärliches Material liefert die Geschichte für die Kenntnijz ihrer weiteren Entwickelung; allein in den ausführlichen Beschreibungen der KriegSzüge gegen die Vusehnegcr findet man sie manchmal envähnt. ״In der ״Regel", sagt Kapitain Stctmcm, ״zeichnen sie' sich durch große Tapferkeit aus, oft aber auch durch große Grausamkeit." Es wird auch berichtet, daH im Jahre