Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 14-15 (7.4.1887)
- Article
- Aus jüngst vergangener Zeit
- Date
- 1887-04-07
- Page
- 216 (sequence 3)
- Language
- German
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216 ״Wie geht es Deiner Mutter?" fuhr sie nach kurzer Pause fort, ״wann wirst Du Dich ihr endlich :zu erkennen geben?" ' . ״Vielleicht heute noch." , ״Hc׳:te:noch?" rief sie, ״und das sagst Du mir erst jetzt? — Du Weißt doch, daß ich dabei sein will. — Wann werden wir-zu Deiner Mutter gehen, Isidor?" Cr antwortete nicht sofort, sondern blickte forschend, doch mit ׳ dem Ausdruck unaussprechlicher Liebe in ihr schönes, Zn ihm emporgerichtetes Angesicht. Sie empfand die magnetische Kraft seines Blickes, erröthend lehnte sie das Haupt an seine Schulter und nahm seine Hand. ״Wann werden wir Zu Deiner Mutter gehen?" wiederholte sie nach längerem Schweigen.' Ihm selber unbewußt entrang ׳ sich ein Seufzer .seiner Brust. — Wie war sie so schön, so wunder-: Lar schön! Aber 'sie liebte ihn' so innig — sollte er nicht Höffen Wunen, daß sie ans Liebe zu ihm auch Opfer bringen könne? ״Flora," begann er endlich, und tiefer Ernst lag sowohl in seinem Ton als in seinen Zügen. ״Bevor ich Dich abermals zu meiner Mutter führe, muß ich mir erlauben, eine Frage an Dich zu richten." ״Wie feierlich Du sprichst," - sagte sie und blickte betroffen zu ihn: auch, doch gleich darauf, in ihren .gewöhnlichen muthwilligen Ton fallend, fuhr sie lachend fort: ״Als ob Du beim Kaiser um Audienz nachsuchen wolltest. Aber so sprich doch, stelle Deine Frage; Du weißt, es ist nicht meine Art, die Antwort lange schuldig zu bleiben." Noch einen Augenblick zögerte er, dann aber be- .gann er entschlossen: ״Du kennst meine Vergangenheit --sowohl die Geschichte meiner Jugend als die meiner. Kindheit." ״Gewiß, gewiß," siel sie cifrcig ein, ״Du hast mir doch Alles erzählt, und sie ist außerordentlich interessant, Deine Vergangenheit — Du bist ein Held, .ein wi'Mcher Held — wie Du Dich ins Meer gestürzt Hs:st, ivivc um Dir icmcn Zwang anthun zu lassen — das w'ar wirklich großartig!" ״Davon wollte ich jetzt nicht reden, ich wollte Hur־ Mähnen, was ich Dir auch erzählt "zu haben •tfzi'M, daß ich als Kind im Hause meiner Eltern strena nach den Vorschriften unserer Religion gelebt ׳ - י - . ),Co?" ׳sagte ׳sie gedehnt, . ,/hast Du mir Las erzählt? — Es «tatm ''sein-, ich habe Ä eben nicht teeret;־ . . . '.ז;■■ ... . :.״ ״kennst Du einige von den Vorschriften der Wischm chtz^io:;?";־ ׳ ״ . •Nein," entgegnete sie, ,,als ich konsirmitt worden bin, habe ich zwar einige Seiten auswendig gelernt, - aber das habe ich längst vergessen." ״Hast Du nie von den jüdischen Spelscgcsetzen gehört?" ׳ ä ׳ י ״Das weiß ich wirklich nicht.'— Oder ja, Haupt- Vorschrift unter den jüdischen SpeisegefttzL'n ist, daß die Juden viel Knoblauch essen müssen."'. Sie lachte hell auf, er blieb ׳ernst- ' ״Liebe Flora, ich bitte Dich, lache jetzt nicht, sonst könnte ich nimmer meine Frage stellen, die ich an Dich zu richten habe." .׳ : .;Aber warum!nächst Du denn so Wiele Umschweife? so frage doch endlich, allzlt lange kann ich nicht ernst bleiben, das weißt Du.'"- > Abermals athmete er tief auf, dann fuhr ׳er fort: ״Ich glaube 'mit Bestimmtheit, daß Du schon manches von den jüdischen Speisegesetzen gehört haben wirst." ״Nun ja, freilich, ich habe doch eine Freundin, die furchtbar fromm ist, Mathilde Liemcum, Du kennst sie ja. Die hält die Speisegesetze und den Sabbath hält sie, und wer weiß, was sie noch hält. Ich glaube, sie würde eher Hunger sterben, als bei uns eine gekochte Speise genießen." - ״Es ist mir Lieb, daß Dir diese Gesetze doch nicht so ganz fremb sind." ״Weshalb ist Dir das lieb? ich begreife nicht, was Dir daran liegen kann, ob ich diejch Geschichten kenne oder nicht/' ־ ׳ ״Wenn sie Dir vollständig fremd wären, würde ich :«ich vor Altem veranlaßt sehen, Dir Linen Begriff davon beizubringen." - ״Dann bin ich auch froh, daß sie mir nicht ganz fremd sind," versetzte sie lachend. Er preßte die Lippen auf einander, nach kurzer Pause fuhr er fort: ״Wie gesagt, so "lange ich bei meinen Eltern war, habe ich alle religionsgesetzlichen Vorschriften strengstens beobachtet. — Und ich fand sie nicht schwer — durchaus nicht — im Gegentheil, schwer, unendlich schwer ist es mir geworden, als ich sie nicht mehr beobachten konnte. — Als ich znm ersten Mal Fleisch essen mußte, das nicht nach jüdischer Vorschuft bereitet war, — ich glaubte, daran ersticken zu ' müssen."׳־׳■׳.' ׳ ״Armer Isidor! — aber nach und nach hast Du Dich doch daran gewöhllt." - '׳ ״Freilich habe ich׳ mich nach und nach daran gewohnt — habe der religionSgesctzlichen Vorschriften nimmer gedacht ’—- ׳ nicht einmal, als ich lüngst nicht mehr gezwungm -war, mich darüber hinwegzuschen." (Fortsetzung folgt.) ' >.