Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 14-15 (7.4.1887)
- Article
- Aus jüngst vergangener Zeit
- Date
- 1887-04-07
- Page
- 215 (sequence 2)
- Language
- German
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215 un.ö als verboten bezeichnet, weil er nicht wiederfäitetib ist. / Nun wollen Sie in Betracht ziehen, vor vicrtehalb׳ tausend Jahren, als dieses Gesetz niedergeschrieben worden,-, welch rin im Verhältnis unbedeutend kleiner Theil - der Erde war zu jener Zeit bekannt. Wie viele Länder sind seit jener Zeit entdeckt und durchforscht worden und wie viele Thiergattungcn hat. man seit jener Zeit kennen gelernt..— Und dennoch hat man bis auf den heutigen Tag keinen vierten Wiederkäuer gefunden, der nicht zugleich Zweihufer, und auf. der'ganzen Erde außer dem Schwein nicht einen Zweihufer, der nicht auch Wiederkäuer. wäre.'— Glauben Sie in Wirklichkcit, daß ein Mensch vor Viertehalbtausend Jahren diese Thatsache wissen konnte? oder sind Sie nicht gleich mir von der Ucberzeugung durchdrungen, daß dieses nur Derjenige wissen konnte, der die Welt, erschaffen hat und was sie füllet?" .Der Doktor erhob sich, wie cs schien nicht ohne Anstrengung. Er war ausfallend bleich, ein seltsames Gefühl, wie er es ehedem nie empfunden, hatte ihn nahezu übermannt, ein Schauer durchrieselte ihn. ״Ich danke Ihnen," sagte er, indem er die.Hand des Nabbiners mit einer gewissen Heftigkeit drückte, ״ich danke Ihnen von ganzem Herzen. — Ich will Sie augenblicklich nicht länger belästigen, denn auch meine Zeit ist um, ich werde erwartet. Dürfte ich mir jedoch wohl erlauben, noch heute Abend von Ihren! gütigen Anerbieten Gebranch zu machen? — es liegt mir nämlich sehr daran, noch heute über einige Punkte Ihre gefällige Aufklärung zu erhalten." ״Ich werde heute Abend, sowie an allen kommenden, von nenn Uhr an zu Ihrer Disposition sein." ״Empfangen Sie im Vorhinein meinen verbindlichsten Dank." Die Herren schüttelten einander die Hand und der Doktor empfahl sich. Noch unter dem Eindruck der eben stattgefnndenen Unterredung schritt er zuerst sinnend die Straße entlang, dann aber erinnerte er sich,, sah auf die Uhr und erschrak, daß die Zeit schon so weit vorgerückt. Hastig eilte er weiter. Nachdem er die unerläßlichen Krankenbesuche' erledigt hatte, war es beinahe Ahend. Er hatte zwar seiner Braut mit Bestimmtheit zugesagt, sie noch heute zu besuchen, doch er fühlte sich gegenwärtig außer Stande, ihr zu begegnen, er mußte zuvor sich selbst klar werden. Er schrieb ihr einige Zeilen, in denen er sich entschuldigte und am folgenden Tage zn. kommen versprach. ES war in den NaHmittagSstunden des folgenden Tages, als der Doktor in die Wohnung seiner Schwiegereitern trat. Flora befand sich im Garten; ihre Mutter wollte sie rufen lassen, doch es lag dem Doktor sehr daran, daö junge Mädchen unter vier Augen zu sprechen; er erbat sich daher Crlaubn.iß, seine Braut im. Gartenaussuchen zu dürfen. Sie befand sich in einer..Laube, in die Lektüre eines französischen RomaneS vertieft.. . .Sie hatte ihn nicht kommen gehört, obgleich.seine Schritte auf den! kieSbestrenten Pfaden nicht unhörbar verhallten; cS war ihm daher möglich, vom Eingang der Laube aus sie mehrere Minuten ungesehen zn betrachten. . . Sic war in Wirklichkeit ein liebreizendes Geschöpf, ihre Fornien in! schönsten Ebenmaß, ihr blendend weißer Teint von zartem Nosa leicht überzogen. Ihr wunderbar schönes Haar hing in zwei blonden Zöpfen fast bis zur Erde hernieder, während es.in goldigem Geringel in die alabastergleiche Stirn fiel und. dicse durchschimmern ließ. Die Augen waren auf das.'Buch, geheftet, er konnte ihre Stirne jetzt nicht sehen,, abex.. er kannte diese funkelnden, übermüthigen Schelmenäugen. Sie war berückend schön, nie. war sie ihm reizender erschienen. Ein tiefer, hörbarer Seufzer entrang sich seiner Brust. Flora blickte auf und schleuderte das Buch bei Seite. - . ״Isidor!" rief sie und eilte mit. auSgebreiteteil Armen auf ihn zn. ״Du böser, böser-Mann! ich sollte eigentlich zürnen und Dich hier stehen lassen, weil Du mich gestern schon wieder hast warten lassen." Er ließ sich neben sie auf die Bank nieder. ״WaS hast Du dein! so eifrig gelesen?" fragte er und wollte nach dem fortgeschlcuderten Buche greisen/ ״Ach, nichts! gar nichts!" rief sie lachend, indem sie ihn! das Buch entriß. ״Gar nichts hast Du gelesen?" .fragte er lächelnd. Sie erröthete über und über, erschien jedoch dadurch nur noch reizender. ״Ich meinte gar nichts, was Dich interessirt. — UebrigenS, wenn Du es garade wissen willst, — eS ist der neueste Noman von Emil Zolr." ׳ . ... j .Der Doktor preßte die Lippen auf einander. ״Das interessirt mich in der That nicht -יich Hütte jedoch auch nicht geglaubt, daß eS Dich-interessirt.". . Einen Augenblick schlug sie die-Augen nieder, doch gleich darauf blickte sie wieder übermüthig lachend' zu ihm auf. ״Keine Moralpredigt, Jsidsr! dergleichen vertrage ich nicht." ׳ <; Er erwiderte nichts, aber er athmete. tief ans. Sie glaubte-ihn verletzt und lehnte׳ sich schmeichelnd an ihn. ״Bist Du beleidigt?" fragte sie. ״Ich weiß nicht, ob ich dazu berechtigt bin/' entgegnete er. seufzend. . ״So ist'g recht, nur immer hübsch bescheidm," lachte fie.11:-:::- s