Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 14-15 (7.4.1887)
- Article
- Der internationale Antisemitismus
- Date
- 1887-04-07
- Page
- 212 (sequence 2)
- Language
- German
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21L Feder hier allen Andren weit voran. Die Leistungen der Stöcker, Förster, Henrici, Wagner, Marr, Hartmann, Treitschke, Hammerstein, Liebermann, Böckel u. s. w. sind über jedem Lobe erhaben. Der Gedanke ist. der Vater der That, deshalb wird man diese Namen stets als diejenigen der Herren des Antiscmitismus zn feiern haben. . Die. Gründung des Dentsch-Antisemiten-BundeS, die Stiftung der Allgemeinen antijüdischen Allianz, der 33״. D. St.".(Verein Deutscher Studenten), dis ThaLen der Christlich-Sozialen in Berlin u. s. w. bilden die nimmer .versiegenden Quellen des reinen. Antisemitismus, welche, ihre belebende Kraft weithin bethätigen. Auch Frankreich öffnete sich der beglückenden anüsemitischen Doktrin, wenn..auch nur. mit dem - einzigen Drumont. Aber dieser eine Held ist eine ganze Armee Werth. . Selbst bis zu. den irischen Mondscheinlern drang die Botschaft, und diese viel beschäftigten Männer fanden noch neben, den-an. den Gutsherren vollstrcckten Urtheilen Mutzender Handvoll Juden, welche, auf dem schönen grünen Eiland eine Heimstätte gesucht, einen antisemitischen Willkommengruß zu bereiten; So stand Alles schön und hoffnungsvoll noch, vor wenigen Monden.׳ Die herrlichste Perspektive breitete sich vor den wonnetrunkenen antisemitischen Augen aus. Da muß plötzlich, gleich einem Blitzstrahl aus heiterem Himmel, das Verhäuguiß hernieder fahren. Was man so sicher geglaubt, erwies sich, als trügerisch. Statt der vorausgesetzten Zustimmung an hoher Stelle traf, man aus entschiedene Mißbilligung und heimste an Stelle der erhofften lobenden Anerkennung Tadel und Zurückweisung ein. Man fühlte sich plötzlich ziemlich unsanft bei Seite geschoben und jammerte über Undank und Verkennung, das LooS so vieler großer Männer, die von ihrer Zeit nicht begriffen werden. Doch nicht geziemt' es wahrhaft starken Seelen, dein Schmerz zu lange Dauer zu geben. Sie wissen sich'rasch über denselben zu erheben, und mit frischem Muthe erfassen sie das alte Banner, für dessen Sieg sie mit erneutem Eifer den Kampf wagen. Sie verlieren nicht den Glauben au sich und an den Triumph ihres Ideals. Sie lassen sich den Slick nicht trüben. Sie sammeln ihre Streiter, sie berechnen die. Macht ihrer Bundesgenossen' und mit dem alten Schlachtenrufe suchen sie die wankenden Truppen zum Stehen׳ .zu bringen. Der Antisemitismus darf sich solcher starker weit-׳ sichtiger Führer, rühmen, die unentwegt ans dem Plane verbleiben und nicht verzagen ob des Mißgeschickes. Und wer wollte, es in Abrede nehmen^ daß er׳-über mächtige Bundesgenossen zu verfügen hat? Die stärksten Leidenschaften nimmt: er, in Sold: VarurLheil, Haß, Neid und UnznstickenlM mit obwaltenden Zu-. ständen. Sie brauchen-nur entflammt, zu werden, so erweisen sie sich als unwiderstehlich im Angriffe. Cs. handelt sich nur darum, sie auf den Siedepunkt zu bringen, und darauf versteht man sich im Generalstäbe: meisterlich.׳ Dieser Generalftab ist überhaupt mit großer Weisheit ausgestattet. Die erfahrenen Feldherren erwägen mit. kühlem Kopse jeden Schritt und wissen genau zu berechnen, .wo sie den neuen Angriff einzusetzen haben. Am 2. April haben die Vertrauensmänner und Obmänner der Christlich-Sozialen in Berlin getagt und die Anweisung ihres Oberhauptes, des-Herrn Hof- Prediger Stöcker, entgegengenommen. Dem Moniteur. dieser Partei, der ..Kreuzzeitung", ..verdanken wir die Mittheilung eines Theilcs. dieser. Offenbarung- Herr Stöcker, warnt vor einem dauernden Zusammengehen mit den.Freikonservativen und den Nationalliberalen. Der ״Kampf gegen das Judenthum"- müßte alsdann ״sofort fallen gelassen werden". Und das. darf nicht sein! Daß Jude» in Berlin bei der. neulichen. Wahlschlacht für das Programm der vereinigten, nattauai־. konservativen Parteien eingetreten sind, däncht ihm . eine große Gefahr. Er sagt unter Ändern: ״Die Geschichte mit Bleichröder ist wahr. IH weiß eS ganz genau. Die Geschichte .mit den Professoren Goldschmidt und LazaruS ist nicht besser. Diese beiden haben die bisherige antisemitische Bewegung von Berlin beschimpft. Herr Goldschmidt hat erklärt, daß die Berliner Bewegung gegen das Judenthum von jedem anständigen '.Menschen verurlheilt werden׳ müßte. Und das haben, sich die lieben Kartellbrüder ruhig gefallen lassen. Zweimal machen wi.r so w.aS nicht mit.. Einmal mußte es ja sein; aber erreicht ist nichts damit. Gesiegt haben sie nicht; aber das. Judenthum ist dazwischen gekommen und die Sozialdemokratie ist in die Höhe gewachsen." Deshalb allein muthig weiter gegen das Indemhum gekämpft; Kompromiß mit Niemandem; wer nicht für mich . ist, ist gegen mich. Man bewundere das strategische Genie, eines Stöcker. Trotz der erfahrenen Abweisung und trotz, der zur Schau getragenen stolzen Nesignation, dennoch .den Ansblickanf die erhoffte hohe Zustimmung und Förderung. -Wozu doch die Sozialdemokratie gut ist! Weil, in der konservativ-nationalen Bewegung einzelne Juden hervo.rgetreten sind, darum ״ist die Sozialdemokratie, in die Höhe gewachsen!" Man merke sich dieses gehörigen Orts und weise in Zukunft die. strammen Antisemiten nicht zurück, sonst wird eSmit der. Sozialdemokratie noch bedenklicher. Wenn wir nicht zur Genüge wüßten, daß wo die Lejdmschaft spricht, die Vernunft überhaupt nicht mehr zu Worte kommen kann, so würden wir Herrn Stöcker um geueigte Belehrung bitten, inwiefern die Sozialdemokratie in die Höhe gewachsen sein kann,