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Jeschurun · 1887-03-31 · Heft 13 (31.3.1887) · p. 200

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 13 (31.3.1887)
Article
Aus jüngst vergangener Zeit
Date
1887-03-31
Page
200 (sequence 3)
Language
German
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200 Dasjenige gelobt, zu dem Sie auch ohne Ihr Gelöbniß durch Ihre Geburt verpflichtet sind. — Ihre Frage entfällt daher.׳ Abermals entstand eine Pause. Der Athen! des Doktors ging hörbar. ״Ist denn das so unumstößlich bewiesen?" fragte er endlich mit leiser, vibrircndcr Stimme. ״Was meinen Sie? — ob waö unumstößlich bewiesen ist?" ״Daß daS mosaische RcligionSgesctz noch heute, nach mehr als Viertehalbtausend' Jahren diese unverbrnchlichc Gültigkeit hat, welche die orthodoxen Israeliten ihm vindiziren?" ״Ja!" cnkgcguete der Rabbiner entschieden. Der Doktor neigte bedächtig das Haupt. ״Ich gestehe, ich habe bisher über diesen Gegenstand nicht viel nachgedacht — wenn ich jedoch erwäge, daß Alles in der Welt dem Wechsel unterliegt, daß die Verhältnisse sich andern, in viertchalbtausend Jahren sich so oft geändert haben — wie kann ich da annehmen, daß die Normen, die für gewisse Verhältnisse gegeben waren, auch jetzt noch, unter völlig geänderten Verhältnissen, dieselbe verpflichtende Kraft besitzen?" ״Wenn Ihre Voraussetzung richtig wäre, wenn das mosaische NcligiouSgesetz, in Wirklichlcit nur für gewisse Verhältnisse gegeben wäre, dann hätten Sie Recht, dann hätte das nur für gewisse Verhältnisse gegebene Gesetz die Gültigkeit verloren, sobald jene Verhältnisse, für die cs gegeben, nicht mehr vorhanden. Mit den! mosaischen NcligiouSgesetz verhältcS sich jedoch anders, das mosaische Neligionsgcsetz ist mit Nichten nur für bestimmte Verhältnisse gegeben, sondern cS ist für alle Verhältnisse gegeben und für alle Zeiten." ״Und woher wissen wir denn daö?" ״DaS geht aus dem Gesetzeselbst hervor." ״DaS behaupten die Rcligionslehrcr einer jeden Religion von der ihren," cntgegnete der Doktor mit leisem Lächeln. ״Daö weiß ich," erwiderte der Rabbiner, ״die Priester jeder Religion erklären die ihre für göttlich. — Aber hat auch nur einer je eS bewiesen?" ״Läßt sich denn die Göttlichkeit der mosaischen Religion, beweise«?" ״Gewiß, und zwar,, wie ich bereits vorhin erwähnte, aus dem Gesetze selbst. DaS Gesetz ist, wie Sie ganz richtig bemerkten, vor mehr als vicrtehalb׳׳ tausend Jahren gegeben worden, bevor noch das jüdische Volk in das für dasselbe bestimmte Land gekornmen war. In dem Gesetze wird das jüdische Volk oft und oft gemahnt, daß cö nur dann glücklich sein könne, wenn eS das Goltesgcsctz halten werde. VoranSgesagt wird jedoch^ gleichfalls zu wiederholten Malen, daß das Volk das GotteSgesetz nicht immer halten werde, daß eS dann vertrieben werde aus dem Lande und zerstreut werde unter allen Völkern der Erde." Er nahm eine übersetzte Ausgabe des Pentakeuch, blätterte darin und reichte sie daun dem Arzt. ״Hier, lesen Sic selbst diese Prophezeiungen. — Glauben Sie, daß ein Mensch vor viertchalbtauscnd Jahren dieses hätte Voraussagen können? — ober zweifeln Sie, daß diese Prophezeiung׳ cingctrosfcn?" ״DaS könnte ich allerdings nicht behaupten." ״Freilich nicht. Doch cS ist daS durchaus nicht der einzige Beweis für die Göttlichkeit unserer Lehre. —■ ES wird Ihnen sicherlich bekannt sein, daß alle antediluvianischcu menschlichen Kieferknochen, die man gefunden hat, eine durchaus andere Bildung anfiveifen, als die Kieferknochen nicht nur des gegenwärtigen Geschlechtes, sondern überhaupt aller nachsündstuthlichcr Geschlechter. Während die Kieferknochen aus vorsnndflukhlicher Zeit daö Merkmal der Pflanzenfresser tragen, deuten die aus nachsttndfluthlicher Zeit auf Fleischfresser. Die Anhänger Darwins betrachten diese Thatsache allerdings als Beweis der Nichtigleit seiner Lehre von der Wandlung, die der!umschliche Organismus durchgemacht hat. Es ist noch gar nicht so überaus lange her, seit dieser vermeintliche Beweis für die Nichtigkeit der Darwinischen Lehre gefunden worden ist. Wollen Sic jedoch gefälligst Ihren Blick hierher richten in dieses Buch, daS vor viertchalbtausend Jahren geschrieben worden ist. Hier haben Sie die Schöpfringsgeschichte. -Bitte, lesen Sie selbst. Gott bestimmte dem Menschen die Körnerfrüchte, daS sind die Getreidearten, und die Vanmfrüchtc zur Nahrung. — Wozu hätte er da ein Nanbthicrgcbiß bcnöthigt? — Fleisch zu essen war ihn: noch nicht gestattet und war demgemäß sein Organismus noch nicht dafür eingerichtet. — Erst mehr als tausend Jahre spater — hier —" er wendete einige Blätter um. — ״Hier haben Sie die Geschichte von der Sündfluth. Nach derselben — lc.sen Sie gefälligst hier — gestattete Gott dem Menschen den Thicrgcnuß — und ward dem entsprechend sein Organismus eingerichtet." ״Das ist in der That seltsam," sagte der Doktor betroffen. ״Seltsam nennen Sie das? — ich mochte einen andern Ausdruck dafür gebrauchen. Doch ich will Ihnen einen noch schlagenderen Beweis für die Göttlichkeit und demgemäß für die Unverbrüchlichkeit unserer heiligen Lehre geben." (Fortsetzung folgt.) -

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