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Jeschurun · 1887-03-31 · Heft 13 (31.3.1887) · p. 199

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 13 (31.3.1887)
Article
Aus jüngst vergangener Zeit
Date
1887-03-31
Page
199 (sequence 2)
Language
German
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199 ״Gewiß, Herr Julian.Lewison ist mir bekannt, gehört er bod) zu den hervorragendsten Persönlichkeiten der Stadt und ist sogar Mitglied des Vorstandes der israelitischen KultuSgemcinde." ״Daß er jedoch in religiöser Beziehung der sogenannten freier« Richtung huldigt, dürste Ihnen ebenfalls bekannt sein. Meine Braut kennt demnach die jüdische Religion nur den Namen nach, von den Spcisegcsehen hat sie vcrmnthlich nie etwas gehört. — Nun, das hätte weiter nichts auf sich, ich habe mir das bereits überlegt, ich werde eine religiöse Hanshälterin cngagiren, die den Haushalt führen wird, meine Frau wird sich nicht darum zu kümmern haben. — Die Sache ist jedoch .die. Meine Braut ist an die spezifisch jüdisd)e Kost nicht gewöhnt, ich zweifle sogar, daß sie ihr munden wird. — Da nur ich für meine Person gelobt habe, den rcligionSgcsetzlichcn Vorschriften gemäß zu leben, so brauchte ich doch nicht dagegen zn opponiren, wenn meine Braut auch als Frau ihre gewohnte Kost beizubchalten wünschte?'' Er blickte in sichtlicher Erregung fragend auf den Rabbiner. Um dessen Lippen zuckte ein kaum merklichcS Lächeln, doch nur für einen Moment, denn c'ö wich sofort den! Ausdruck aufrichtiger Theilnahmc. ״Es thut mir leid, aufrichtig leid, daß Sie sich in dieser Beziehung Illusionen h.ingcbcn. Denn ich muß Sic anfmcrksam machen, daß Sie Ihr Gelöbniß nur dann halten können, wenn Sie eine streng religiöse Frau ehelichen. Der jüdische Ehemann allein ist nicht in! Stande, allen rcligionSgcsctzlichen Vorschriften zu entsprechen, wenn seine Frau, wie Sic sich auszudrücken belieben, der freier» religiösen Richtung huldigt." ״Aber ich sagte doch bereits, daß ich eine religiöse Haushälterin —" ״Die Religiosität der Haushälterin kann die der Hausfrau nicht ersetzen. Nur wenn Mann und Frau in religiöser Beziehung gleichen Sinnes sind, kann der Mann ein Leben führen, wie Sic eö gelobt." ״Aber ich bitte Sie um'S HimmclSwillen — Sie dürfen mir da« nicht übel nehmen — aber das klingt paradox." Der Rabbiner zuckte die Achseln. ״Daß eö Ihnen paradox klingt, kann ich nicht bestreiten, Sie kennen eben unsere Religion nicht." ״Ich werde sofort einen Beweis meiner Vehanptung bringen. Als Seelsorger der israelitischen Gemeinde wird Ihnen doch auch der Administrator Bergselb nicht fremb sein ״Freilich nicht, — er gehört zwar auch der freiem Richtung an —" ״DaS wollte ich eben bemerken, ich bin nämlich Hausarzt bei der Familie. — Herr Vergseld hat mich rnit seinen Verhältnissen ziemlich genau bekannt gemacht. Er ist ein Freigeist, daS weiß ich aus feinen!, eigenen Munde. Seine. Frau jedoch, ist streng religiös, fuhrt ihren Haushalt in einer Weise, daß, wie Herr Bergfcld sich ausdrückt, der Rabbiner von Jerusalem bei ihr essen könnte, erzieht ihre Kinder religiös —..... ״ ״Was den letzteren Punkt betrifft, — so sehr ich wünsche, daß es Frau Vcrgscidö ernstem Streben gelingcn möchte — doch in dieser Beziehung läßt sich gegenwärtig noch nichts Voraussagen — die Kinder sind noch allzu jung. Ucbrigens will ich Ihnen. gern zugeben, daß eine Frau für sich religiös leben kann, wenn der Mann auch ein Freigeist ist, wenn er nur im Uebrigen ein chrenwerther Mensch ist. — Der Mann aber kann entschieden nicht den reliaionsgesetzlid-en Vorschriften entsprechen, wenn die Frau nicht gleichfalls denselben entspricht." ״Auch nicht — wenn eine streng religiöse HauShälterin —" ״Auch dann nicht, lieber Freund. •—־ Eö thut mir leid, Ihnen dieses sagen zu müssen, denn ich sehe sehr wohl ein, cS ist in gewisser Beziehung ein.Schlag für Sie. Doch Sie haben meinen Rath erbeten; ich bin demnach verpflichtet, Ihnen nach besten! Wissen und Gewisser: zu rathcn. — Wenn Sie jedoch unsere rcligionSgcsctzlichen Vorschriften auch nur einigermaßen kennen würden, würden Sie sofort die Wahrheit meiner Behauptung zugcben. — Lassen Sie uns schon heute den Unterricht beginnen, konnnen Sie schon heute in,, den spätcrn Abendstunden, wenn cS Ihnen möglich ist." . Der Doktor antwortete nicht sogleich, er hatte die' Lippen fest auseinander gepreßt; tiefe Blässe bedeckte, sein Gesicht, während sein Haupt aus seine Brust gefunken war. — DaS hatte, er nicht geahnt, daß sein Gelöbniß derartige Konsequenzen nach sich ziehen könne. Der Rabbiner empfand in Wirklichkeit Mitlciden, er richtete freundlich theilnehniende Worte an ihn. verwies ihn an seine Mutter, mit der er diese Angelegenheit bcrathen möge. Der Doktor athmcte tief auf. ״Meine Mutter — meine Mutter ~ freudigen Herzens war ׳und bin id) bereit, sowohl mein Leben als and) das Glück meines Lebens meiner Mutter zu opfern. — Ob ich jedoch berechtigt bin, das Glück einer zweiten Person; der ich!nein Wort verpfändet habe, meiner Mutter zum Opfer zu bringen? — es ist Gelöbniß gegen Gelöbniß." - ׳ ״Lieber Freund," cntgegncte der Rabbiner ernst, ״wenn es sich hier um eine gleichgültige Sache handeln würde, wenn Sie etwas gelobt hätten, wozu Sie nicht bereits auch ohne Ihr Gelöbniß verpflichtet wären, dann wäre Ihre Frage berechtigt; dann müssen wir erwägen, welches Gelöbniß Sie zu halten verpflichtet wären. — Dem ist jedoch nicht so, Sie haben nur

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