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Jeschurun · 1887-03-24 · Heft 12 (24.3.1887) · p. 184

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 12 (24.3.1887)
Article
Aus jüngst vergangener Zeit
Date
1887-03-24
Page
184 (sequence 3)
Language
German
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zögerte ich einen Moment, ich glaubte dem sicheren Tode erttgegenzngehen, und das beben ist doch schön. — Doch entweder das Meereswasser oder das Tauf- Wasser — mein Entschluß war gesagt — ich sprach das Sch'ma, wie mein Vater es mich gelehrt, schloß die Augen und sprang in die See." Er hielt einen Augenblick inne, Doktor N .... ergriff seine Hand, druckte sie innig, doch er sprach kein Wort. Der Andere fuhr fort: ״Ich hielt mich unter Wasser, so lange ich konnte; in rasender Schnelligkeit bewegte ich mich fort, denn ich schwamm mit der Strömung. — Als ich endlich wieder auftauchen mußte, lag bereits eine ziemliche Strecke zwischen mir und dem Schiffe, ich konnte es sehen, war jedoch sicher, von dort aus nicht bemerkt zu werden, denn die See ging hoch, Welle auf Welle thurmte sich. — Ich schwamm nun weiter so lange ich konnte und unaufhörlich schaute ich um mich nach einem rettenden Fahrzeug — doch ich erblickte keines, ich sah nichts als Wellen um mich her und den Himmel über mir. — Und endlich erlahmten meine Kräfte. — Ich war überzeugt, jetzt müsse der Tod kommen, ich rief noch einmal das einzige Gebet, das ich kenne, daun schlossen sich meine Augen." ״Als ich sie wieder anfschlng, blickte ich in ein über mir geneigtes freundliches Angesicht. Gottlob, sprach eine mir nubekannte Stimme, er kommt zu sich. Meine Augen schlossen sich wieder, ich suhlte, daß man mir Kognak in den Mund goß, und wie belebendes Feuer rollte es durch meine Adern. — Meine Angen öffnetcrr sich wieder, ich blickte um mich, ich lag nicht mehr im Wasser, sondern ans einem trockenen Lager, daS fremde Leute umstanden. Ich wollte fragen, wo ich mich befände, doch der freundliche Mann, in dessen Gesicht ich zuerst geschaut, mußte diese Frage in.!!׳.einen Mienen gelesen haben. Halten Sie sich ruhig, sagte er, morgen sollen Sie Alles erfahren, jetzt ist cS Nacht, jetzt müssen Sie schlafen. Und wie auf Kommando schloß ich abermals die Augen und entschlummerte." ״Als ich am folgenden Morgen erwachte, fühlte ich mich zwar vollständig wohl, nur der Kopf war mir wirr, und erst nach geraumer Zeit war ich im Stande, mich der Ereignisse des verflossenen Tages zu erinnern." ״Ich befand mm) au Bord eines Hamburger Kauffahrteischiffes, dessen Mannschaft mich aus den Wellen hatte treiben sehen, man hatte sofort ein Boot hinunter gelassen, und ich war gerettet worden. Zwar hatte man anfangs gezweifelt, mich wieder zum Bewußtsein zu bringen, doch die Bemühungen des Schiffsarztes waren schließlich von Erfolg. —Sowohl -er Kapitän alsauch die Mannschaft begegneten mir überaus freundlich. DaS Schiff befand sich auf dem Heimweg. Mit dem Seeleben vertrant, wußte ich mich an Bord nützlich zu!nachen und trug mich sogar mit der Idee, bei! Vorschlag des Kapitäns anznnehnien und in seine Dienste zu zu treten. Der Schiffsarzt, der mir ganz besonderes Wohlwollen bezeigte, und dem ich auf sein Verlangen meine Erlebnisse mitgetheilt, widerrieth eS mir jedoch. Er behauptete, ich hätte Talent, zum Studium und wenn ich Lust dazu hätte, wollte er selbst mir den Weg dazu ebnen. Er war ein Glaubensgenösse und intcressirte sich daher besonders für mich. Schon ans dem Schiffe begann er, mich zu unterrichten und war höchlichst befriedigt von meinen Fortschritten. Als wir nach Hamburg kanien, führte er mich zu einem der Vorsteher der dortigen Tempelgemeinde, dem er meine Geschichte mittheilte. Sie erregte all-- gemeines Interesse; einige reiche Mitglieder der ®e* rneinde beschlossen, mich ans ihre Kosten studiren zu lassen. Nach einiger! Jahren bezog ich die Universität in Berlin und bin, wie Ihnen vielleicht bekannt sein dürfte, seit mehreren Jahren hier als praktischer Arzt." ״Gern hätte ich!neinen Eltern Nachricht zukorumen lassen, aber ich besorgte, sie selbst dadurch in Gefahr zu bringen, denn im Grunde war ich ja doch desertirt. — Obgleich ich, wie bereits erwähnt, als Kind im Hanse!!reiner Eltern allen religivnsgesetzlichen Pflichten entsprochen habe, ist es mir seitdem doch nie in den Sinn gekommen, mich am Sabbath der Arbeit zu enthalten oder!!!ich um die Speisegesetze zu kümmen!, denn ich habe entweder unter Nichtjuden gelebt oder unter sogenannten aufgeklärten Juden, die die spezisiseh jüdischen Neligionsgesetze als antiqnirt detrachten. Ich würde mich auch heute nicht darum kümmern, aber —" Seine Stimme bebte. ״Ich habe vor einigen Wochen unter den russischen Auswanderern —- meine Mutter wieder gefunden. — Sie erkrankte hier am Bahnhose und!nnßte mit einer Verwandten hier bleiben. — Ich habe sie nicht erkannt — erst als sie sich bereits im Hospital besand, erfuhr ich ihren Namen. Ich habe sie behandelt, ohne eS jedoch zu wagen,!!!ich ihr erkennen zu geben, denn sie schwebte lange in Lebensgefahr, und auch spätermußte ich befürchten, daß die wenngleich freudige Aufregung ihr schaden könne. — Jetzt endlich ist sie so weit hergestellt, schon glaubte ich, in den nächsten Tagen sic als Sohn umarmen zu dürfen — da entnehme ich ans einer Unterhaltung mit ihr, daß cS meiner Mutter ungleich schmerzlicher wäre, zu wissen,' daß ihr Sohn ein unjudisches Leben führt — als ihn todt zu wissen." (Fortsetzung folgt.)

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