Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1887)
- Article
- Aus jüngst vergangener Zeit
- Date
- 1887-03-24
- Page
- 183 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2932754-2932755-2932768-2934607--24569-2934655- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
183 Der Doktor zuckte die Achseln, indem er sich in den Sessel mederließ. ״Die Menschen erkranken;11 jeder Tageszeit, der Arzt ist daher verpflichtet, zu jeder Zeit dem Leidenden zu Gebote zn stehen." ״Der Pflichteifer des Herrn Doktor Kohn ist stadtbekannt," schaltete der Rabbiner verbindlich ein. Der Doktor verneigte sich leicht. ״In den LornlittagSstnnden sind wir allerdings am meisten beschäftigt, weil wir unS vor Allein überzeugen müssen, wie die schweren Patienten die Nacht verbracht haben. Zu dem kommt bei nur die Spitalpraxis, die ich Bor׳ mittags erledigen muß. Ich bitte daher nochmals um Entschuldigung, daß ich zu dieser Zeit, die vermuthlich der Siesta bestimmt ist —" ״Bitte, bitte, das hätte auch nichts auf sich. — UebrigenS schlafe ich am Tage nie." ״Es ist mir angenehm, daß ich wenigstens nach dieser Richtung hin nicht störe. — Ich möchte mir nämlich erlauben, in einer für mich hochwichtigen Angelegenheit Ihren geschätzten Rath mir zu erbitten." Er schwieg einen Augenblick, wie um sich zu sammeln.. ״Wenn Ihnen mein Rath von Nutzen sein kann, bin ich gern bereit." Der Doktor fuhr sich mit dem Tuche über die Stirn; er schien noch nicht mit sich im klaren, wie er sein Anliegen Vorbringen solle, endlich begann er. ״Wenn wir Acrzte einen neuen schweren Patienten in Behandlung bekommen, so liegt cö uns sehr daran, ein vollständiges Bild der Krankhcilsgeschichle zu erhalten, wir können dann eher hoffen, durch nnscrn Rath zn helfen, als wenn wir einzig und allein ans die ins Auge salleudcu Symptome der Krankheit angewiesen sind." ״Das ist selbstverständlich," bemerkte der Rabbiner, den .die sichtliche Befangenheit des Arztes zu intcressiren begann. ״Auch wir andern Menschen, wenn wir einen Rath crthcilcn sollen, wünschen ein möglichst klares Bild des Falles, um den cö.sich handelt." ״So werde ich mir erlauben müssen, etwas weiter auözn holen." Er strich sich abermals über die Stirn und fuhr dann fort: ״Ich stamme ans Rußland, auS ernst frommer Familie. Als Kind habe ich die Satzungen der jüdischen Ncligion strengstens befolgt, doch schon zu neun Jahren wurde ich meinen Eltern entrissen, um, wie das bei uns öfters vorkommt, zum Soldaten erzogen zn werden. Seitdem habe ich kein Loth Koschcrflcisch wieder gegessen, bis gestern Mittag. — Es ist das im Grunde selbstverständlich. — Trotzdem bin ich im Herzen Jude geblieben, obgleich ich allerdings nicht leugnen kann, daß die meisten rcligionSgesctzlichen Vorschriften meinem Gedächtnisse entschwunden sind. — Doch als Jude habe ich mich immer gefühlt, wie ich auch gelebt habe, nie habe ich versäumt, Morgens und Abends daS GlaubcnSbckenntniß des Inden anSzujprechcn, das die Einheit GoltcS verkündet. — Denn als ich meinen Ellern entrissen ward, da hat mein seliger Vater schluchzend mir nachgerufcn! Vergiß daS Sch'ma nicht, und schluchzend habe ich erwidert: ich werde cS nicht vergessen." ״Ich kam zur Marine. Im Alter von achtzehn Jahren zog ich durch einen nnOcbcntcnbcit Zufall die Anfmerksamkcit dcS Kaisers auf mich; er drückte mir sein besonderes Wohlwollen aus, versprach, für mich zn sorgen und stellte mir eine glänzende Zukunft in Aussicht. Ich sah die ncidvotten Blicke der Kameraden auf mich gerichtet, ich aber verzweifelte im Herzen, denn der Kaiser hatte hinzngefügt, daß ich vor Allem, sowie wir ans Land kommen würden, wir befanden unS nämlich auf hoher See, getauft werden sollte.— WaS ich in jeucu Momenten empfand — um eS auSzudrücken, müßte ich Stunden lang sprechen. — Was sollte ich beginnen? — Einen Augenblick dachte ich daran, mich den! Kaiser zu Füßen zn werfen, ihn um Gnade anzustchcu, ihn! zn sagen, b-af! ich lieber auf Alles verzichten wollte, als ans meine Religion. — Heute glaube ich allerdings, daß, wenn ich damals das gethan hätte, der Kaiser mir allerdings sein Wohlwollen entzogen, doch vielleicht mir keinen Zwang auferlegt haben würde. — Freilich, mit Bestimmtheit könnte ich daü auch heute nicht behaupten — damals hielt ich mich jedoch überzeugt, daß jeder Versuch nach dieser Richtung hin nicht nur vergebens, sondern sogar in! höchsten Grade gefährlich werden könne, daß, sowie man gewahrcn wurde, daß ich die Taufe pcrhorreSzire, man!nich keinen Moment mehr uubcivacht lassen würde, und ich mir dadurch den einzig möglichcn NettungSweg verschließen würde. — Denn retten wollte ich mich, um jeden Preis, und selbst um de!! meines Lebens." ״Wie der Blitz schoß mir der Gedanke durch den Kopf, daß ich durch einen kühnen Sprung ins Meer vielleicht sogar!nein Leben retten könne, denn ich war ein vortrefflicher Schwiminer, konnte sogar unter dem Wasser einige Minuten schwinrmcn, und. wenn ich auch nicht hoffen konnte, Land zu erreichen, möglicherweise konnte ich ein Schiff treffen — wenn auch nicht wahrschein!ich, unmöglich war eö nicht. — Doch sowie ich mich ins Meer stürzen, würde, würden sofort Versuche zn!!!einer sogenannten Rettung nnternonnnen werden, dessen war ich sicher. Ich erbat mir daher die Gnade, vor den! Kaiser mich in meiner Schwimmkunst prodnzircn zu dürfen. Huldreich ward mir diese Gnade gewährt. Mit zitternden Händen warf ich die das Schwimmen erschwerenden Oberklcider ab und schwang mich ans das Geländer des Schisses. — Jetzt aber