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Jeschurun · 1887-03-17 · Heft 11 (17.3.1887) · p. 164

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 11 (17.3.1887)
Article
Mendelssohn und die Überlieferung
Date
1887-03-17
Page
164 (sequence 3)
Language
German
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164 Brücke schlagt, wo er so acht deutschthümelnd auftritt, diesen Geist? Und seine,Briefe über die Empfindüngen", die so ganz an LcssingS Laokoon und an seine Dramaturgie erinnern, sollten diese nicht unter dem Einflüsse des großen Freundes entstanden sein?" ״Auch Sie merken den Lessing'schen Geist in diesen Jngendschristen? DM ist mir eine große Freude! Man hört sonst nicht zu viel davon, und ich glaubte bisher, eS allein bc!uerkt zu haben. Wissen Sie nicht, daß diese Worte gerade in der ersten Zeit seiner Bekanntschaft mit dem großen Geisteswecker Deutschlands entstanden sind? War damals wohl von den Gedanken des Laokoon und der Hamburger Theaterzeitschrift die Rede? Gerade in seinem ersten Merkchen zeigt sich der Talmudist und in scincm zweiten der Anhänger der jüdischen Lehre." ״Sollte diesmal der Beweis nicht etwas weit hergehvlt werden müssen?" ״Entscheiden Sie selbst! Mendelssohn äußert vor Lessing einige Gedanken über ein englisches Werk, und der Freund, der damit keineswegs übereinstimmt, bittet ihn, seine Ansichten schriftlich niederzulcgen. Hinter Mendelssohns Rücken wird die Schrift gedruckt, und gerade gegen den Hauptgedanken, die Zarückfnhrung der Leibuiz'schcn Lehre ans Spinoza, hat Lessing seine Bedenken. Spinoza und Lclbniz sollen nach diesen Gesprächen eigentlich über Gott und Welt, über Freiheit, über Selbständigkeit der Wesen dasselbe gedacht haben, mir drücken sie sich verschieden anS. Zwischen Beiden herrscht nur ein Wortstrcit, der sich bei genauer Klärung der Begriffe von selbst beilegt. Hier erkenne ich den Talmudschüler." ״Unbegreiflich!" ״Allerdings! Auf jeder Seite der Gemara werden Widersprüche aus diese Weise gelöst, daß der betreffende Tana'tte oder Amoräer entweder einen einzigen Ausdruck in verschiedener Bedeutung angeführt hat, oder daß zwei Talmudlehrcr unter verschiedenen Bezeichnungen dasselbe verstanden haben. In dieser Weise allen Ansichten gerecht zu werden — daran war der Knabe schon zu Dessau gewöhnt worden, und hier wendet er cs ans die Gegensätze der Denker an. AnS dem tal-- mudischcm Geiste läßt sich überhaupt Mendelssohns vermittelnde Stellung in der Wissenschaft begreifen." ״Sic zeigen mir gewiß einmal solche Talmudstellen! DaS ist zu wunderbar! Ich muß. verzeihen Sie! mit eigenen Augen scheu! Eine Bestätigung Ihrer Angabe würde mich mit Freude und Stolz ersüllen!" ״Gewiß, so nähern mr uns einander mehr und mehr! Und die Klarheit, welche Mendelssohn über das Gefühlsleben in seinem zweiten Werke. zeigt, wie er die Welt aus die Empfindungen einwirken und daraus dieselben cmporwachsen läßt, die Forderung, daß der Künstler stets die Regungen des Innern im Auge haben soll, auf welche einzuwirkcn seine Absicht ist, daß er, wenn er mit seinen Mitteln nicht die denkbar höchste Einwirkung auf seine Mitmenschen erzielt, trotz der Befolgung aller Regeln unter seiner Aufgabe stehen bleibt; die tiefe Einsicht, mit der er dem Maler und dem Dichter gesonderte Richtungen anwcist, seine klare Darlegung dcö Mitleids und der Furcht, dieses aristotelischen Angelpunktes für den Trauerspieldichter — dies Alles soll Mendelssohn nur überkommen haben? Vieles hat er von Lessing empfangen und Vieles gegeben — selbst was man empfängt, lehrt uns den Menschen erkennen! Sotten aber so mit einem Male Gedanken, welche späterhin von Tausenden nicht so leicht erfaßt worden ׳ sind, einem Mendelssohn in Fleisch und Blut übcrgcgangen sein? Bedenken Sie aber, daß er als jüdischer Knabe außerhalb der gewöhnlichen Kindcrfrenden stand, daß er sich früh oft gefragt haben mag: Warum bin ich nicht so munter und froh, wie Jene? Dann mußte er sich bald die Antwort geben: Mir fehlen-die Gegenstände! Kam aber nun der Sabbath heran, kamen die andern heiligen Tage Israels mit ihrem eigenartigen Gepräge — bald gebietet der Glaube: Freue Dich! bald ruft er: Gieb Dich dem Schmerze, der ernsten Empfindung hin! Wenn dann diese Gcfühle in daö KindcSgemnth cinziehen, wenn der Knabe auf die Ursachen blickte, durch welche sie hcrvorgernfen werden, wenn er das Ziel ins Auge faßte, durch Freude, durch Ernst od.r Schmerz sich Gott zu nähern, so hatte er schon die veredelnde Seite der Empfindungen begriffen, hatte er cingcsthen, daß ganz bestimmte Einflüsse zu solcher Einwirkung bestimmt sind. Da er . nun in reiferem Alter mehr als einer in der Lage war, das Wachsen neuer Begriffe in scincm Geiste zu beobachten — wer wäre geeigneter gewesen, als gerade er, seine Zeit über die EmpfindungSwelt und über die Wirkungen der Knnsteindrncke ans unser Gemüth aufznklären?" . (Schluß folgt.) . Mer sns AHralien.' Melbourne, ראש הדש שבט. ES war an einem Freitagmorgen, als ich in einer nördlichen Richtung durch eine der Hauptstraßen Melbournes fuhr. Mein Weg führte mich an dem Fischmarkte vorüber, wo cs heute gar lebhaft herging. Meine Glaubensgenossen, das bemerkte ich'bald, bilbeten den größeren Theil der Käufer. Denn wenn

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