Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1887)
- Article
- Mendelssohn und die Überlieferung
- Date
- 1887-03-17
- Page
- 163 (sequence 2)
- Language
- German
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163 Soll es dem Gefeierten besser gehen, als seinem Vorbilde Maimonidcö, dem von einem berühmten GcschichtSschreiber jener Richtung in kaum mißzuverstehender Weise innerer Zwiespalt und Heuchelei vorgeworfen wird? Solche Gestalten sind so manchen Richtungen höchst unbequem, wenn sie aitch, unter dem Banne ihres Geistes stehend, sich ihrem Einflüsse nicht entziehen können und ihr Ansehen für sich ausnutzcn müssen." ״Sind Sic im Stande, diese Ansichten zu widerlegen? Ucber den Begriff der Heuchelei, wie weit sie oft berechtigt erscheint, laßt sich ja streiten. Bieten Sie ihren Gegenfüßlern den Beweis der Wahrheit Ihrer Auffassung?" ״Jeden Augenblick!" ״Wollen Sie zeigen, wie er, mit Leib und Seele, die Seele nicht zu vergessen, dem Schnlchan Aruch angchörcn und dennoch all' das erreichen konnte, was ihm als deutschen Schriftsteller möglich geworden?" ״Nur so und nicht anders. Wir zählen gewöhn-!ich und mit Unrecht Mendelssohn zu jenen AuMrnngs. gläubigen, über welche sowohl Glaube wie Wissenschaft seitdem achfclzuckend hinweggcgangen sind. Wie ist cs nun möglich, daß ein vierzehnjähriger Knabe, dem bis dahin selbst die Inschrift eines Wcgwescrs räthselhaft geblieben, mit einem Mal in die Stadt der Aufklärung verseht wird, mit einem Male die Wissenschaften kennen lernt, sie mit einem Male versteht, sich nicht verliert und, halb Kind, sein besseres Thcil nicht aufgiebt? Sind Ihnen die durch sich selbst zur Wissenschast gelangten Gelehrten in ihren Schattenseiten bekannt? Wie leicht kommen sic nicht dazu, ihr bishcrigcö Wissen dem ncnerlangten gegenüber zu verachten, die ihnen unerzogenen Anschauungen, zumal die mit der Erinnerung an bitteres Elend verknüpften, als einengende Schranken anzusehen, jedes Herkommens, jedes Ansehens zu spotten und die Macht des sich selbst befreienden Geistes mit dem Gelehrtenstolze eines durch sich selbst Gewordenen als alleinscligmcrchend zu verkünden!" ״Hatte denn Mendelssohn ein Beispiel des GegentheilS vor sich?" ״Gewiß, das ist eben., das Wunderbare! Berlin, welches'siebcnnndzwanzig Jahre unter Friedrich Wilhelm dem Ersten dem wissenschaftlichen Leben sich hatte fernhalten müssen, hatte sich seit der Thronbesteigung des großen Königs mit um so größerem Eifer auf das Langvcrsäumte geworfen. Die Gebildeten fühlten sich von schwerer Fessel befreit, und es läßt sich denken, daß man gerade an der Spree nun' viel von Aufklärung, verrotteten Vornrtheilen, zu beseitigenden Irrthümern sprach, daß Jeder, der in diese Kreise hineintrat, von solchem Geiste ergriffen .wurde.. Deshalb konnte gerade Berlin für die Aufklärer bezeichnend werden. Doktor Kisch und Doktor Gumpcrz, welche Mendelssohn in die neue Wissenschaft einführten, ihn mit Lcssing bekannt machten, standen wohl ebenso wenig, wie die anderen damaligen sogenannten Deutschgebildcten, auf dem Boden des talumdischen Judcnthums. Gerade das Vorurtheil, daß Thora und Geistesbildung sich nicht vereinen lassen, hat bereits der Knabe Mendelssohn, der doch derartige Beispiele vor sich hatte, zu beseiligen gesucht. Hatte er denn umsonst den Moreh des Maimonides gelesen, wo Denken und Glauben in Uebcreinstirnmnttg gesetzt werden? War er diesem Gcistcsriescn rächt zugleich als dem Erklärer der Mischua begegnet? Und wußte er nicht, daß er durch sein Mischne Thora Jad Hachsaka, d. h. durch sein talmndisches Gesetzbuch, das Vorbild der Turin! und eben jenes Schnlchan Aruch, der Ehre gewürdigt worden, Nambam genannt zu werden und irr dem Munde aller seiner Glanbensbrüder für alle Zeiten zu leben? Hatte er nicht erzählen hären, wie dieser große Lehrer des Gesetzes, nachdem er lange in Unwissenheit geschmachtet, erst in seinen reiferen Knabenjahrcn wunderbar zur Kcnntniß der jüdischen und arabischen Wissenschastcn gelangt war und später seine Heimuthstadt Cordova in Erstaunen gesetzt hatte? Jener mittelalterlichc Denker war, das wußte er, Leibarzt dcS Khcdive, Rabbiner zu Kahira, Fcstiger der Ucberlicfernng und der Freund so vieler mohamcdanijchcn Gelehrten seiner Zeit gewesen — wer hatte aber sein Andenken bewahrt, wenn nicht die Juden? So lernte Mendelssohn die neuere Wissenschaft kennen, um durch sie den Gottesgedankcn bestätigt zu sehen. Er wollte dem Aristoteles, dem Lehrmeister des Main!on!des, selbst ins Angesicht sehen, so ward das Griechische sein eigen; die neueren Denker machten ihn! die Kenntnisse des Lateinischen nothwendig; auch die lebenden Sprachen mußte er zu gleichen Zwecken lernen. Aber er vergaß nicht einen Augenblick, daß der Ramban: auf jeder Seite des Schnlchan Aruch vielfach angeführt -und gedeutet werde» muß, daß der ״Führer der Verirrten" ein strenger Talmndjude gewesen. Wäre dies nicht der Fall —wie hätte ihn der Knabe Mendelssohn kennen gelernt? Sehen wir hingegen von dieser frühen Bekanntschaft mit dem Moreh ab, dann wird uns die gcsammte spätere Geistescntwickclung Mendelssohns ein Räthsel. Daß von den Psalmen bis zum Vcrständuiß des Horaz kein zu weiter Schritt ist, — nimmt doch bei Klopst'ock David die erste Stelle ein! — wird Ihnen wohl nicht mehr wunderbar scheinen." ״Und doch, sagen Sie es mir offen und ehrlich — beherrscht ihn dieser Geist schon in seinen Jugendschriftcn? Merken Sie bei seinen ,philosophischen Gesprächen', wo er zwischen Spinoza und Leibniz eine