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Jeschurun · 1887-03-10 · Heft 10 (10.3.1887) · p. 150

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 10 (10.3.1887)
Article
Mendelssohn und die Überlieferung
Date
1887-03-10
Page
150 (sequence 2)
Language
German
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Wir scheiden nun; doch nimmer fei begraben, Was er vollbracht; erwache stets auf's Neu, Du großer Mann, tritt mächtig und erhaben Zn uns hervor, erprobend unsre Treu. Wir wollen unS an Deiner Weisheit laben, Daß uns Dein GcistcSqucll stets frisch erfreu'. Und geht vorbei ein anderes Jahrhundert Wirst Du noch mehr begriffen und bewundert. Laß nnö als Juden folgen Deinen Bahnen. Treu halten an dem ewigen Panier; Du mögst uns an die Pflicht des Menschen mahnen, Die Thora, wie das Mensch! h u m hegen wir, Israels Banner, wie die FriedenSfähnen Des Vaterlandes sein und stete Zier. WaS Du gewollt — s o kann es nur gelingen; Nur so kann man daö schönste Lob Dir singen. Die kurze Feierlichkeit war beendet — man ruckte von den Plätzen — AncrkcnnuiigSwyrte wurden dem Veranstalter und Leiter der Feierlichkeit zu Theil, und die beim Vortrage bctheiligt gewesenen Kinder sprangen froh zu ihren Eltern, um sich von ihnen verdientermaßen Beifall zu holen. Ich ging mit meinem Freunde die freundliche Treppe hinunter, und wir traten ins Freie. In der Nähe bemerkten wir au einem Hanse Vorbereitungen zu einer rauschenden MendclSsohnfeicr. Fahnen blickten aus den oberen Fenstern heraus, geschäftige Herren im Frack mit weißer oder bunter Schleife liefen die Freitreppen ab und zu, und das weitere geschäftige Treiben entsprach ganz den Vorstclluitgen, die allgemein davon im Schwange sind. ״Aeußrer Schmuck wird leicht zur Bürde, DaS darob mau schnell vergißt, WaS deS Festes reckte Wurde, Was die Ursach' ist." wiederholte mein Freund aus beut Gedächtnisse. ״Jene Verse, welche der erste Knabe mit solcher Wucht und kindlichcul Ernste herauSdsnnerte, kommen mir nicht aus . dem Sinn. Da wird ein Denker, ein stiller Gelchrter der bcscheidcn von seiner Klause ans wirkte, dessen einzige Waffe der klärende Gedanke war, in rauschenden Festlichkeiten gefeiert. Fahnen, Auszüge, laute Musik, Mahlzeiten, Trinksprnche — als hätten wir hier einen Helden dcS TagcS, einen Beherrscher der Oeffcntlichkeit zu feiern! Freilich, wenn man die Forderung stellte, nur die ihn'verstehen, sollen sich bctheiligcn :—wie mager würde da ein: solche Veranlassung abgcspeist werden!" ״Was nennen Sie verstehen!" fragte ich; ״selbst Ihre Geschästsausträge lassen oft eine doppelte Deutung Zn, und führen zu Streitigkeiten. Glauben Sie rum, daß zwei Leser sich derartigen Werken gegenüber das Gleiche denken? Da müßte doch erst fcstgestetlt werden, woran man das Vcrständniß erkennt. Lassen Sie nur immerhin sich Tausende eines solchen Mannes freuen, ohne daß sie eine Ahnung haben, um was es sich handelt. Ehrfurcht vor Geistesgröße ist immer eine erfreuliche Erscheinung. Lassen Sic nur die funkelndstcn Redensarten bei Tisch und sonst wo ertönen — mögen auch mit Worte geäußertwcrdcr, worüber Mendelssohn selbst in seiner sokratischen Milde, wenn nicht gespottet, so doch mindestens gelächclt haben wurde — das soll die Herrlichkeit eines solchen Festes nicht stören! Welchen feierlichen Veranlassungen bleiben solche Erscheinungen fern? Genug, daß in unserer schnellledigen Zeit —, wie hat sich die Welt' seit Mendelssohn verwandelt! — wo so Großes und Herrliches zur Mode vom vorigen Jahre geworden, man sich des Weisen von Dessau noch erinnert, daß die Aufforderung, ihn zu feiern, in wcitefteu Kreisen wiederspruchstose, freudige Zustimmung gefunden hat!" ״Wenn nun aber die festlichen Tage vorüber sind?" ״Dann leben die Erinnerungen daran in vielen Herzen weiter. Wie viele werden sich nicht Mendelssohn betrachtend nähern, wie viele Andere nicht dem jüdischen Gelehrten überhaupt nicht mehr mit dem Stolze eines Emporkömmlings begegnen, wie so Mancher endlich wird sich mit größerem Muthe zum Namen eines Juden bekennen! Zumal, wenn er im Frack, bunter Schleife oder gar als Tischrcdncr bei dieser Gelegenheit glänzen konnte! Was nun aber auch nicht zu. unterschätzen ist, bleibt der Umstand, daß so manche Richtungen hier werden Farbe bekennen müssen!" ״Sie meinen die m!S feindlichen Strömungen?" ״Erwähnen wir diese am heutigen Tage nicht! Von ihnen ist keine Aufrichtigkeit zu erwarten. Bezeichnend genug für die Größe Mendelssohns, daß dieselben, die von einer Ueberschätznng LcssingS durch die Juden bei ähnlicher Feier zu fabeln wagten, unser heutiges Fest mit ehrfurchtsvollem Schweigen umgehen, cs nicht als eine Judcnfeicrlichkcit darzustellen, unS keine fremden Absichten nntcrzuschiebcn versuchen! Nein, ich spreche von den Richtungen, die sich in unserer eigenen Mitte gcgcnübcrstehen!" ״Gut. daß wir diesen Punkt berühren. Ich habe allerdings gehört, daß man sich um Mendelssohn reißt, daß die Freunde dcö Herkommens ihn als den Ihren beanspruchen, während die Anhänger der freieren Schule sich darüber sehr ungcbcrdig zeigen und unter leidenschastlichcn Ergießungen ihn den UcberlicfernngSgläubigen absprcchcn wollen." ״Haben Sie darüber noch nie nachgedacht?" ״Offen gestanden, die Lcidcnschastlichkeit, welche bei dieser Frage geltend gemacht wird, hat mich tief geschmerzt. Haltet ihn doch, wofür ihr wollt, schöpft

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