Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1887)
- Article
- Aus jüngst vergangener Zeit
- Date
- 1887-03-03
- Page
- 136 (sequence 3)
- Language
- German
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136 weiht hätte — ober baß er noch heute leben würbe unb sich allerdings um ben Sabbath nicht kümmerte?" ״Daß er jung gestorben ist unb bnrch seinen Tob den Namen Gottes geheiligt hat," entgegnctc die Kranke rasch. ״Sie müssen gar wenig von unserer heiligen Religion wissen, baß Sie so etwas fragen können. — Ein Kinb, baS den Sabbath entweiht — baS ist für fromme Ettern das denkbar Schrecklichste — während, wenn ein Kind gestorben ist, um —״ ״Regen Sie sich nicht weiter auf," unterbrach sie der Arzt, indem er hastig aufstanb, ״Ihr Sohn ist ja Lobt." Seine Stinnne klang mit einem Mal rauh und hart, Bella blickte ihn betroffen an und auch die Kranke zuckte zusammen. ״Seien Sie nicht böse, lieber Herr Doktor — ich habe Sie doch nicht beleidigen wollen." Er schien sie nicht zu hören, ohne Gruß druckte er den Hut in die Stirn und verließ hastigen Schrittes das Zimmer. Er rannte die Stiegen himlnter, hinausauf die Gasse, als säßen die Furien ihm auf den Fersen. Die ihn sahen, wähnten, er wäre-zu einem Schwerkranken eiligst gerufen worben, er aber rannte planlos dahin, hinaus aus der Stadt, er mußte ins Freie, er wähnte, nur draußen auf freiem Felde athmen zu können, aber auch draußen auf freiem Felde war es ihm zu eng. Er hätte laut ausschreien mögen in namenlosem Schmerz. — Darum also chatte er alle die Nächte hindurch an dem Bette der Mutter gewacht, mit ans ihrem eigenen Munde zu vernehmen, baß sie es vorziehen würde, wenn er längst gestorben. — Wie ein Schluchzen entrang eS sich seiner Brust, und plötzlich warf er sich nieder und barg das thränenübersinthete Antlitz im tiefen Grase. Wie lange er so gelegen, wußte er selbst nicht, als er sich endlich erhob, war es bereits Abend. Der Mond schien hell, Myriaden Sterne erglänzten am Firmament.'— Leise säuselnd fuhr der Nachtwind durch das Laub der Bäume. — Ihm war, als vcrnehme er das Rauschen des Meeres, als wäre er eben aufgetaucht aus der schäumenden See. Er athmete tief auf, fuhr sich mit dem Tuche über die Stirn und über die brennenden Angen^ drückte abermals seinen Hut ries in die Stirn und kehrtedann langsamen Schrittes, zurück in die Stadt. Er kam vorüber vor der Wohnung seiner Braut, sie erwartete ihn, er wußte, sie werde sehr ungehalten sein, wenn er vergebens auf sich warten lasse — aber ihm war es heute nicht möglich, was sollte er erwidern, wenn ihr scharfes Auge seine Erregung gewahren würde. — Nein, nein, — heute nicht. Hastig wandte er sich und eilte der eigenen Woh- .nung zu. (Fortsetzung folgt.) Korrespondenzen und Nachrichten. Holland. ü Amsterdam, 22. Februar. Die ״Zentral- Konunissie" hat an Sr. Majestät den König die folgende Adresse gerichtet: Sire! De Zentrale Kommissie tot de Atgemeene Zaken van het Neberl.-Israelitisch Kcrkgenootschap und als solche die Niedcrlänbisch-Jsraelitifchc Bevölkerung des Reiches vertretend, schätzt sich glücklich. Ew. Majestät gelegentlich Hochsibcssen Siebzigsten Geburtstag dazu Glück wünschen zu dürfen und unter dankbarem Ausblick zum Allerhöchsten, der Ew. Majestät thcurcs Leben uns erhielt, mit innigen Gefühlen der Treue und Anhänglichkeit zugleich unsere Erkenntlichkeit für die vielen Zeichen deö Wohlwollens zu bezeugen, die uns, gleich Ew. Majestät übrigen Uitterthanen, seit dem Momente, da Ew. Majestät den Thron Ihrer Väter bestiegen, zu Theit wurden. Znrttckblickenb auf die vielen Wohlthatcn Ihrer weisen Negierung, die zum Frieden und zur Wohlfahrt Ihres Volkes gereichte, gedenken wir mit Dankbarkeit, daß Ihr Durchlauchtiges HauS in den bunffcii Tagen der GlanvenSverfolgung stets hohen und kräftigen Schutz unseren anderwärts unterdrückten GlanbenSgenossen gewährte, und wir flehen zum Allmächtigen anS der Tiefe unseres GcmüthS, Ihr thcureS Leben noch eine lange Reihe von Jahren zu behüten. Ihre Negierung mit Glück zu segnen, daß cs Ew. Majestät gegeben sei, an der Seite unserer geliebten Königin, unsere vielgeliebte Kronprinzeß zu voller Entwickelung hcranblühen zu sehen, ausgerüstet mit denselben Fürstlichen Eigcnschastcn, beseelt von der gleichen Liebe zu allen Bürgern ohne Unterschieb beS Bekenntnisses, wodurch Ihr Fürstliches Hans sich seit Jahrhunderten kräftig und rnhmvoll anSzeichnete. Für die Zentrale Kommissie. Die Permanente Kommisstt. I itt a, Vorsitzender. M. L. van Am er in g en, Sekretär. ----- Haag, 24. Februar. Ihre Majestät die Königin schwebtemit dem Kronprinzeßchen Sonnabend eine Zeit lang in Lebensgefahr.- Sie machten Mittags eine erste Fadrt durch die festlich geschmückte Stadt, als die Pferde plötzlich scheu wurden und mit der Equipage durchgingen. Glücklicher Weise lief eS ohne Unfall ab. Das '— (allerdings holländische) —׳ konservative ״Dagblad van Znid-Holland" knüpft an seinen Bericht die folgende Bemerkung: ״Fast in demselben Augenblicke, in welchem Ihre Majestät mit der Kronprinzessin auf so glückliche Weise einer drohenden Gefahr entronnen, wurde in der Synagoge von dem Obcrrabbiuer, Herrn Berenstein, baS Gebet für die Erhaltung der Mitglieder des Königlichen HanseS ausgesprochen."