Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1887)
- Article
- Aus jüngst vergangener Zeit
- Date
- 1887-03-03
- Page
- 135 (sequence 2)
- Language
- German
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135 daß ich den leidenden Menschen lindernde Medikamente verschreibe — sei cs Wochentag oder Sabbath, das muß dem Arzt einerlei sein." ״Nein, nein, nein — ich weiß von ganz bcdeutenden Acrztcn, die nie am Sabbath schreiben." ״DaS mag früher gewesen sein, vor dreißig, vierzig Jahren, aber heute —״ er schüttelte den Kopf. ״Ich habe zwar auch a!ö Kind, so lauge ich bei meinen Eltern war. den Sabbath streng gehalten." ״Und warum halten Sie ihn heute nicht mehr?" fragte die Kranke erregt. ״Seien Sic nicht böse, Herr Doktor, daß ich alte Frau so unbescheiden zu Ihnen rede — aber Sie sind so gut gegen mich — so sehr gut — und darum thut cS mir so weh, mehr als ich sagen kann, daß Sie ein so schweres Unrecht bcgehen. — Seien Sie nicht ungehalten, daß ich so zu Ihnen rede. — Aber Sie sagen, daß Sie als Kind bei Ihren Eltern auch den Sabbath gehalten haben — demnach waren Ihre Eltern fromm?" ״Sehr fromm," bestätigte der Arzt, aber seine Stiimne war belegt. ״Ich bin jedoch schon als neunjähriger Knabe in die Fremde gekommen." ״Zn nenn Jahre)׳ schon? — das ist allerdings frühzeitig. — Aber wenn auch. — Sehen Sie, ich hatte auch einen Sohn — einen schönen, prächtigen Knaben — er war so lieb — so brav. — Aber als er neun Jahre alt war, da ist er unS genommen worden. — Sie haben gewiß schon davon gehört, wie das bei uns vorzukommen pflegt — jüdischen Eltern nimmt man die Kinder und läßt sic zu Soldaten erziehen. — Unser prächtiger Knabe ist zur Marine gekommen. — Durch Protektion haben wir ihn zuweilen sehen dürfen — er war immer sehr brav gewesen — seine Vorgesetzten und seine Kameraden — Jeder hatte ihn gern gehabt." Ihre Stimme war leiser nnd leiser geworden, jetzt hielt sie einige Augenblicke inuc —. gleich daraus aber fuhr sie fort: ״Als unser braver Knabe 18 Jahre alt war — da - da — da kam eines Tages der Kaiser aus sein Schiff —" Sie stockte abermals, der Doktor fürchtete, ihre sichtlich zunehmende Erregung könne ihr schädlich'werdeu, er wollte sie nicht weites reden lassen. —.Aber er selbst war keines Wortes mächtig, die Brust war ihm wie zugeschnürt, wie erstarrt saß er da und lauschte mit angehaltcnem Athen: ihren weiteren Mittheilungcn, obgleich er doch im Vorhinein wußte, was sie ihm mittheilen wollte. — Nach einigen Minuten sprach sie weiter, mit leiser, bebender Stimme: ״Der Kaiser — der Kaiser kam auf sein Schiff — unser Knabe fand etwas — waS der Kaiser verloren hatte — er gab cs dem Kapitän — nnd der gab's dem Kaiser — und zum Dank — zum Dank wollte der Kaiser für ihn sorgen — erst sollte er Kadett und dann Qssiziec werden — aber vor Allem sollte er getauft werden — und da — und da — hat unser Knabe sich in'S Mccr gestürzt." Sic hatte die letzten Sätze leise, aber hastig gesprochcu — jetzt hielt sie iuue, ihr Athen: ging rasch, und über ihre bleichen Wangen rollte langsam Thräne auf Thräne. Der Doktor regte sich noch innncr nicht, mit der einen Hand beschattete er seine Augen; Bellas beobachteudcur Blick entging es nicht, daß cs in seinem Angesicht zuckte, daß die Farbe bald stieg, bald voll׳ ständig schwand, und mit wachsendem Interesse hing ihr Auge an den: seltsamen Manne. — Warum hatte er ihre schwache, kranke Tante so lauge sprechen lassen, ohne sie zu unterbrechen? — und warum sprach er noch jetzt kein Wort, um die in ihren trüben Erinneruugcn Versunkene zu crniunteru? — Diese selbst cnnannte sich endlich undschien erstaunt ob der Stille, die im Zimmer herrschte. ״Ist der Doktor schon sortgcgangen?" fragte sieleise. ״Nein, liebe Tante," erwiderte Bella, ״der Herr Doktor ist noch hier." ״Warum spricht er denn gar nichts? — Sie sind doch nicht beleidigt, lieber Herr Doktor, daß ich Ihnen so viel von meinem Sohn erzählt habe?" Der Doktor wollte reden, aber war noch nicht dazu in: Stande. ״Ich habe Ihnen nur zeigen wollen," fuhr die Kranke tief anfathmend fort, ״daß, wenn man auch in früher Jugend aus dem Elternhaus gekommen ist, inan dennoch brav und fromm bleiben kann. — Von seinem nennten Jahre an hat mein Sohn nichts Indisches-mehr gelernt — und dennoch ist er lieber gestorben — als daß er von seiner Religion' abgefallen wäre." ״Ihr Sohn hat Recht gethän," sprach der Doktor endlich mit Anstrengung, ״auch ich würde um keinen Preis :ncincr Religion abtrünnig werden." ־ ״Und dennoch entweihen Sie den Sabbath — ״Hat denn das Ihr Sohn nicht gethan?" «Nun ja, freilich, er war doch dazu gezwungen. — Aber mein seliger Mann hat immer gesagt, wenn ich oft geweint habe, daß unser Kind so unjüdisch hat leben müssen: Weine nicht, hat er gesagt, daS rechnet ihm Gott nicht als Sünde an, denn er ist ja dazu gezwungen. — Aber du wirst sehen, wenn er ausgedient hat, dann wird er wieder als rechter, frommer Jude leben." ״Sagen Sie mir nur das Eine," fuhr der Doktor nach kürzer Panse fort, ״wenn Sie die Wahl gehabt hätten, was hätten Sie vorgezogen — daß Ihr Sohn jung gestorben nnd nnr gezwungen den Sabbath ent-