Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1887)
- Article
- Die neueste Leistung d. Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes im Dienste der Reform
- Date
- 1887-03-03
- Page
- 130 (sequence 2)
- Language
- German
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130 sten Verächter und Feind des Judenthums, David Fricdländer, als einen um das Judcnthum verdienten, von MendclSsohn'schem Geiste beseelten und in dessen Fußtapfen wandelnden und wirkenden Mann vcrherrlicht, — einen Mann, der, wie gerade in dieser Arbeit gezeigt, in dem berüchtigten Sendschreiben an den Propst Teller im Namen der aufgeklärten Juden sich bereit erklärte, in förmlichster Weise dem Judenthunr zu entsagen und die Taufe anzunehmcn; einen Mann, der nach diesem Angebot nur deshalb noch äußerlich Jude blieb, weil der evangelische Geistliche, redlicher als er, dasselbe ablehntc. Ist das ein ehrliches und aufrichtiges Verfahren? Will mau für die Reform wirken, will man das Judcnthum bekämpfen, nun, so trete man offen als Reformer oder als Judenfeind auf, so zeige man sein wahres Gesicht. Würde der Deutsch-Israelitische Gemeindebund crkärt haben, er beabsichtige, für die Neform zu wirken und eine Zeitschrift zu diesem Zwecke zu gründen, so hätten wir uns vielleicht veranlaßt gefühlt, uns gegen die objektive Unwahrheit und Unwissenschaftlichkeit der Darstellung im ersten Hefte und gegen die objektive Lüge im dritten Hefte zu wenden, aber ihm wäre aus der Tendenz derselben nicht der Vorwurf einer Täuschung über seine Absicht zu machen. Wenn Professor Geiger sich als Schüler David Friedländcrs begreifen und sich veranlaßt suhlen sollte, diesem Feinde des Jndenthumö ein Denkmal zu setzen, so wurde uns solches wenig kümmern. Wenn er aber dessen frivole, das Judcnthum verhöhnende und schmähende Gesinnung und Wirksamkeit als die MeudelSsohn'sche charakterisircn will, so schreitet er weit über die Grenzen hinaus, welche die gewissenhafteste Darstellung heischende Wissenschaft gezogen. Wir haben in dem Bisherigen für den vorliegenden Fall zur Genüge dargethau, welche unüberbrückbare Kluft zwischen MoscS Mendelssohn und David Friedländer in Betreff ihrer Stellung zum Jndeuthum vor- Händen ist, so daß es einer Schändung des Mendelssohn'schen Andenkens glcichkommt, seinen reinen Namen mit den! eines Fricdländer in einem Athemzuge zu nennen. Haben wir noch nöthig, zur weiteren Vekrüftigung dieses schneidenden Gegensatzes an die hehre Erscheimmg zu erinnern, welche Mendelssohn in seiner Zurückweisung der Bonnet'schcn Znmuthung eines Glaubenöwechscls barbictet und an das erbärmliche und verachtnngSwerthe Angebot David Friedländcrs in dem schon erwähnten Sendschreiben an Teller zur An- ׳ nähme der Taufe? Wahrlich, der Deutsch-Israelitische Gcmeindebnnd hat sich mit der hier in Rede stehenden Veröffentlichung ein trauriges, unvergängliches Denkmal errichtet. Es kann ihm nimmer gelingen, dasselbe zu vernichten und in Vergessenheit zu bringen. Diese sechs Fri-dlälider'schen Briefe nebst der dazu gehörigen Geiger'schcn Einleitung sind unauflöslich mit dem Deutsch-Israelitischen Gemeindcbund verknüpft und bilden für die Bcurtheilung seines Wesens und seiner Ziele ein höchst werthvolleS Material. Es ist nicht׳zu vcrkennen, daß er in beharrlicher Verfolgung derselben sich durch nichts beirren laßt und unter den vcrschicdcnstea Formen stets den einen Gedanken zu verwirklichen weiß: Bekämpfung des orthodoxen jüdischen Prinzips. Es ist ganz derselbe Geist, welcher ihn bewegte, da er eine Umgestaltung des Unterrichts in der jüdischen Religion im Sinne der ausschweifendsten Reform mit einem Lehrplan für alle Gemeinden Deutschlands erstrebte, in welchem — anscheinend ganz harmlos, aus didaktijchen Gründen, ohne Nennung der beabsichtigten Folgen — die sogcnanntcn Zeremonialgesctze mit AuSnähme der Festtage fast sämmtlich aus der RcligionSlehre auSgemerzt werden sollten, und derselbe Geist, welcher den alten frivolen Friedländer aus dem Grabe erstehen läßt, um das Zcrcmonialgesctz, daß von den ״Aufgeklärten" längst abgcschüttelt worden, verächtlich zu machen. Friedländerund die ״Aufgeklärten" sciucsGelichters vor hundert Jahren wähnten das orthodoxe jüdische Bewußtsein bereits so sehr geschwunden, daß Friedländcr unterm 30. März 1792 eine durchgreifende ״Revolution in religiöser Hinsicht unter den Inden" für unmittelbar bevorstehend erachtete folgende Prophczeiung weissagte: ״In zehn Jahren wird in Berlin Niemand mehr wissen, waö für ein Ding ist: ״Chomcz, das über Peßach hinaus liegen geblieben ist", oder was ״eine angewachsene Lunge" ist und AehnlicheS zu Hunderten und Tausenden. WaS in Berlin in zehn Jahren geschieht, muß in Glogau in fünfzehn stattfinden, und in Breslau und in Königsberg und in Hamburg und in Amsterdam. Genug davon." Und deshalb legte sich Friedländer gar keinen Zwang ans und entblödcte sich nicht, ,..unsere traditionellen Gesetze" in schämloscnr Hohn und Spott hcrabzuwurdigen. Den ״Aufgeklärten" miscrer Tage steht daö orthodox jüdische Bewußtsein iu kräftiger Verwirklichung gegenüber. Sie gewahren die Kurzsichtigkeit ihres alten Meisters und Lehrers Fricdländer, der in der Seele des jüdischen Stammes doch nicht zu lesen vermochte. Trotz seiner Weissagung wird heute nach hundert Jahren selbst in dem ״aufgeklärten Berlin" ״der Talmud doch noch eifrig gelernt, eine Jeschiba doch noch unterhalten," dem orthodoxen Rabbiner. doch noch freiwillig eine Autorität wie in den alten Tagen eingeräumt, und die Sorge für die Schechita läßt doch noch den größten Theil der deutschen Gemeinden vor der höchsten Bertretung der deutschen Nation Bekenntniß für ״unsere