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Jeschurun · 1887-02-24 · Heft 8 (24.2.1887) · p. 119

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 8 (24.2.1887)
Article
Aus jüngst vergangener Zeit
Date
1887-02-24
Page
119 (sequence 2)
Language
German
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119 Sie wandte sich daher wieder an die Kranke, erkündigte sich eingehend nach ihrem Befinden, wie sie die Nächte verbringe, ob sie Appetit habe n. s. w. ״AuS welcher Stadt sind Sie?" fragte sie im weitern Verlauf deS Gespräches. ״Aus erwiderte die Kranke, tief aufathmcnd. ״Auö E._? — ja, ich erinnere mich auch, gelesen zu haben, in E.waren dic Iudeuvcrfolgungcn mit an! Aergsten. — Sie sind um Ihre ganze Habe gekommen?" - ... ״Wir haben nichts gerettet als das nackte Leben." ״Ihre Fabrik ist nicdcrgebrannt.? — vermuthlich angczündct worden?" ״Unsere Fabrik?" sie schüttelte den Kopf, ״wir hatten keine Fabrik — mein seliger Mann war Vorfanget* bei der israelitischen Gemeinde — außerdem betrieb er nur einen kleinen Handels ״Vorsänger?" wiederholte Flora gedehnt mit einem seltsamen Blick auf ihren Verlobten, ״ich glaubte, Sie hätten eine Fabrik in E.gehabt — ich habe doch dm Namen Aronowitsch als den eines jüdischen Fabrikanten in E.nennen gehört." ״Ganz richtig, liebes Fräulein, das war ein Kousin meines seligen Mannes — der Vater meiner lieben Bele." Fräulein Lewison preßte die Lippen auf einander und blickte llnmuthig vor sich nieder, die Wittwe eines russischen Vorsängers als Schwiegermutter erschien ihr durchaus nicht interessant. ״Wenn es Dir gefällig ist, liebe Flora, begleite ich Dich nach Hause — oder wolltest Du vielleicht hier auf mich warten, während ich die übrigen Patienten hier im Hause besuche?" . ״Nein, nein," ,culgegncte Flora hastig, ״Mama wird ohnehin nicht wissen, wo ich so lange bleibe, ich muß Dich bitten, mich vor Allem nach Hanse bringen zu wollen." ־ Der Doktor drückte der Kranken die Hand, vcrneigte sich gegen das junge Mädchen und bot dann seiner Braut den Arm. ״Adieu,. Frau Aronowitsch!" ries Flora, ״wünsche Ihnen recht gute Besserung!" ״Adieu, liebes Fräulein," erwiderte die Kranke, ״ich danke Ihnen nochmals für Ihren freundlichen Besuch." Sie fuhr tastend mit der Hand über das Deckbett, sie wähnte, die junge Dame habe ihr vielleicht die Hand gereicht, doch dazu konnte sich Flora im Augenblick nicht mehr entschließen: Eine Vorsängerswittwe! ״Komm, Isidor, komm! — Mama wird mich ungeduldig erwarten." Sie zog ihn rasch mit sich zur Stiege. ״Lange könnte ich's in einem Krankenzimmer doch nicht auShalten," sagte sie, während sic an seiner Seite die Stiegen hinunter schritt, ״die Luft drinnen ist geradezu drückend." Er blickte sie verwundert an. ״Du bist im Irrthum, die Luft drinnen ist so rein, wie sie nur in irgend einem Zimmer sein kann. ES ist doch ein hohes, luftiges Zimmer, die Fenster, die Tag und Nacht offen sind, gehen hinaus auf den Garten — und außerdem ist die Krankheit, Gottlob, vorüber, keine Spur mehr von Fieber." Flora zuckte die Achseln. ״Ich weiß nicht, es mag vielleicht Einbildung sein, aber ich hatte beständig das Gefühl, als läge ein Kontagium in der Luft." ״Das ist sicherlich nichts als Einbildung," sagte erunmuthig, ״ich bedauere ausrichtig. Deinem Wunsche entsprochen und Dich mit hin gcuommen zn haben. Geschadet hat eS Dir übrigens nicht, in dieser Bezichung habe ich keine Sorge, und Du brauchst Dir auch keine zu machen." Das junge Mädchen erwiderte nichts, aber sie athmcte wiederholt tief auf, als empfände sie ein durfniß, frische Luft eiuzuzichcn. Ziemlich einsilbig legten sie den Weg bis zn FloraS Wohnung zurück. Der Doktor begleitete sie nur bis zur Hausthür, seine Patienten hatten bereits länger als gewöhnlich auf ihn gewartet. Er drückte die Hand seiner Braut an seine Lippen, zog den Hut und eilte davon. ״Aber heute Abend erwarte ich Dich sicher," rief sie ihm nach. , ״Wenn eS mir irgend möglich ist, komme ich," und er eilte weiter. Ä- Die junge Dame hatte während deS ganzen Heimwegö nur mit Mühe ihre Fassung anfretJ)t erhallen; als sie aber jetzt in das Zimmer ihrer Mutter trat, siet sie dieser laut weinend um den Hals. ״Um des Himmelswillen, Kind!׳ was ist geschehcn?" rief Frau Lewison geängstet. ״Eine Vorsängerswittwe!" schluchzte Flora, ״denke Dir nur, Mama — eine VorsängcrSwittwe!" ״Eine Vorsängerswittwe? — ich verstehe Dich nicht. — Kind, was willst Du damit sagen?" - ״IsidorS Mutter ist eine Vorsängerswittwe!" ״Unerhört!" ries Frau Lewifon, die Hände in einanderschlagcnd. ״Das ist empörend!—- ist eine Infamie, wie mir noch keine vorgekommen ist. — Also eines Vorsängers Sohn ist der feine Kumpan! 7־7־ Darum hat er auch nie von seiner Familie gesprochen — jetzt ist es heraus. — Natürlich er hat sich gedacht, wenn er erzählt, daß sein Vater Vorsänger war, dann erhält er die Einwilligung zur Verbindung r

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