Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1887)
- Article
- Die neueste Leistung d. Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes im Dienste der Reform
- Date
- 1887-02-24
- Page
- 114 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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114 zugänglichen historischen Materialien (Urkunden, Briefen, kleineren geschichtlichen Darstellungen), Miszellen (kürzere kritische Bemerkungen verschiedenen Inhalts) und bibliographische Nachrichten, Beschreibungen von Handschristcn und Auszügen aus denselben enthalten. Der Charakter der Zeitschrift ist ein wissenschaftlicher. Dieselbe wird von vornherein jeden Versuch abweiscn, in die politischen oder relig i ö sen Fragen derGegcnwart einzugreifen, ebenso den, das Indcnthnm vergangener Tage apologetisch zu verklären. Sic will mit wissenschaftlicher Ruhe und Objektivität die politische, soziale und ökonomische Stellung der Juden in Deutschland untersuchen; sie will die innere Organisation und Thätigkcit der Gemeinden zur Darstellung bringen; sic will bemüht sein, den Autheil der Inden an der geistigen und Kulturarbeit des deutschen Volkes zu er- Mitteln. Sie lenkt ihre Aufmerksamkeit auf die vielen und werthvollen handschriftlichen Schätze, die in dm städtischen und staatlichen Archiven verborgen sind, die in den Archiven der jüdischen Gemeinden und iin Privatbcsitz unbekannt und vernachlässigt liegen." Der Deutsch-Israelitische Gcmeindcbund erwarb sich damit nach Außen den Ruhm der Förderung vaterländischer Geschichtsforschung und erhöhte den Nimbus eines Leiters und Vertreters der gesammtcn deutschen Iudcnhcit, mit welchem er sich so gern umgicbt, nru cS demnächst in Wirklichkeit zu werden. Welch imponirende Stellung nimmt der Bund hierbei ein! Er beruft angesehene Fachgelehrte, deutsche Professoren, gesellt denselben seine eigenen Dclegirtcu bei und bildet die historische Kommission, welche im Aufträge der obersten Zentralgewalt der deutschen Iudenschaft die Quellen der Geschichte erforscht. Andererseits aber sollte die Stellung des Bundes nach Innen dadurch befestigt werden. Seht, wir hegen keinerlei reformistische Gelüste, spricht der Bund zu den Orthodoxen, uns liegt nur das Allgemeine au! Herzen. Wir schließen ja auch hier die ״religiöse Frage" ans, wie wir solche ja grundsätzlich stets auöschlicßcn. ES handelt sich hier nur um eine wissenschaftliche, völlig lcudcnzlose Unternehmung, welche der gesammtcn Jndenheit zur Ehre und zum Ruhm gereichen limj. Und endlich drittens schuf der Bund sich hierin eine sehr wirksame Waffe, uni sür die Reform gegen die Orthodoxie zu Felde zu ziehen. Wie wenig ernst dieses von jeglicher religiösen Färbung freie, ja einen jeden Versuch eines Eingreifens in die religiösen Fragen der Gegenwart von vornherein abweisende Programm gemeint wcrr, zeigte sich sofort bei dem Erscheinen des ersten.Hefts dieser Zcitschrist. Wir haben in Nr. 27 des vorigen JahrgangS konstatirt, wie dieser Zusage schnurstracks zuwider gerade recht ausdrücklich mit dieser Zeitschrift die ganz bestimmte Tendenz verfolgt werde, das orthodoxe Jiidcuthum hcrabznwürdigen und die Reform zu verherrlichen. DaS uns gegenwärtig vorliegende dritte Heft fährt in dieser Richtung. fort. Wie in dem ersten Hefte .geradezu für die Reform Propaganda gemacht wird, so wird in diesem das Jndcnthum geradezu beschimpft. Der Redakteur, Professor Dr. Ludwig Geiger, giebt aiS seinen eigenen Beitrag zu diesem dritten Hefte sechs Briefe David FricdländcrS, dcS sich einen herostratischen Ruhm gesichert habenden Berliner StadtrathS. Wenn im ersten Hefte die Reformbcstrebungen im heutigen -Indcnthnm als die Fortsetzung des Werkes Mendelssohns erklärt werden, dann ist cS nur konscgucnt, daß im dritten Hefte David Friedländer als ״der begabteste und talentvollste Schüler Mendelssohns״ verherrlicht wird. Was ist die Bedeutung dieser Be- Zeichnung, mit welcher in dem vou dem Deutsch- Israelitischen Gemeindebunde patronisirtcn und unter dessen ganz spezieller Mitleitnng hcransgegcbencn Organ diese sechs Friedländcr'schcn Briese als ein für die ״Geschichte der 3ub1n in Deutschland" werthvollcr Beitrag gekennzeichnet werden sollen? Moses Mendelssohnö Name genießt noch in der Gegenwart einer verdienten hohen Achtung. Man verehrt in ihm den Verthcidiger dcS Jndcnthnms gegen Anfeindungen aus nichljüdischcn Kreisen, den Verfasser eines PentateuchkommcntarS, den Vertreter dcS orthodoxen Prinzips von der ewigen VcrpflichtnngSkraft dcS ganzen Gesetzes, von welchem er in seinem ״Jerusalem" schreibt: ״In der Thal sehe ich nicht, wie Diejenigen, die in dem Hause Jakobs geboren sind, sich auf irgend eine gewissenhafte Weise vom Gesetze entledigen können. Es ist uns erlaubt, über das Gesetz nachzudenkcn, seinen Geist zu erforschenhier und da, wo der Gesetzgeber keinen Grund angegeben, euren Grund zu vcrmulhen, dcr vielleicht an Zeit und Ort und Umstände gebunden gewesen, vielleicht mit Zeit und Ort und Umstände vermindert werden kann — wenn cS dem allerhöchsten Gesetzgeber gefallen wird, uns seinen Willen darüber zu erkennen zu geben, so laut, so öffentlich^ so über alle Zweifel und Bedenklichkeiten hinweg zu erkennen zu geben, als er das Gesetz selbst gegeben hat!" Und dieser Moses Mendelssohn, welcher von dem ״Zcrcmonialgcsetze", von den Gesetzen, die das Leben des Inden in allen seinen Beziehungen gestalten, als Verordnungen über Nahrung, Kleidung und Sabbath« und FcsttagShc'iligung u. s. w. bescheidenen Sinnes spricht: ״Schwach und kurzsichtig ist des Menschen Auge! .Wer kann sagen, ich bin in das. Heiligthum GotteS gekommen, habe seinen Plan ganz übersehen, weiß seine Absichten, Maß und Ziel und Grenze zu bestimmen?