Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1887-02-17 · Heft 7 (17.2.1887) · p. 104

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 7 (17.2.1887)
Article
Aus jüngst vergangener Zeit
Date
1887-02-17
Page
104 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2932754-2932755-2932763-2934185--24269-2934239
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

104 ״Du bist und bleibst ein verzogenes Kind." ״Das ist wahr, liebe Mama, ich bin und ich bleibe ein verzogenes Kind. Ich freue mich, daß Du das einsiehst, denn dann bin ich sicher, daß Du nichts mehr dagegen sagen wirst, daß ich morgen mit Isidor in'S Hospital gehe." ״Da scheu Sie die kleine Hexe," sagte Frau Lewison unmuthig, ״man wird in der That nicht mit ihr fertig." ״Also wann wirst Du ntich morgen abholen?" fragte Flora. ״Wenn Deine Mama nicht wünscht, daß Du mit mir gehst, so werde ich Dich nicht abhoicn, liebes Kind, und ich nehme Deine freundliche Absicht, meine Mutter besuchen zu wollen, für die That." ״Was schwatzest Du da für Unsinn!" rief daö junge Mädchen ärgerlich. ״Mama hat nur Scherz gemacht. Nicht wahr, Mama, Du hast gar nichts dagegen, daß ich mit Isidor in das Krankenhaus gehe?" ״Wenn Du cs denn so sehr wünschest, so will ich nichts dagegen haben." ״Siehst Du, Isidor, siehst Du? Mama hat gar nichts dagegen. Also, wann wirst Du mich abholen?" ״Wäre elf Uhr Vormittags Dir zu früh?" ״Durchaus nicht, ich werde schon zehn Uhr fertig sein, komnie dann, wann cs Dir paßt." &־ ES war in den Vormittagsstunden des folgenden Tages, als Flora Lcwison an! Arme ihres Verlobten in das Hospital trat. Wie sie vorausgesehen, erregte ihr Erscheinen dort Sensation. Doch das kümmerte sie nicht, im Gcgentheil, Aufsehen zu erregen war ihre größte Freude. Man sagt, Liebe ist blind. Aber sie macht auch blind, sonst hätte ein so tüchtiger Menschenkenner wie Doktor Kohn nicht die ungeduldige Neugier seiner Braut nach der Bekanntschaft mit seiner Mutter für zartsinnige Innigkeit halten können. Doktor Kohn geleitete seine Braut sofort in das Zimmer seiner Mutter, an. deren. Bette ihre junge Verwandte saß. DaS Mädchen erhob sich grüßend und reichte ihn! und seiner Begleiterin Sessel. - Neugierig blickte sich Fhora um in dem einfach möblirten Zimmer, während der Doktor zu der Kranken getreten war und die gewöhnlichen Fragen an sie richtete. Als er sich überzeugt hatte, daß die Nckonvaleszeutin zwar langsame, aber doch stete Fortschritte machte, bat er um Erlaubnitz, ihr seine Braut vorst cllen zu dürfen. ״Fräulein Lewison — grau Aronowitsch," sagte er vorstellmd. . . Mit einer Art kindlicher Neugierde blickte Flora in das bleiche, faltige und doch überaus anziehende Angesicht der Kranken, deren lichtlose Augen sie auf sich gerichtet wähnte. Ein Gefühl überkam sie, wie sie es nie gekannt, das sonst so muthwillige Mädchen fand keine Worte und vielleicht, ohne daß sie .es wußte, hatte sie die Hand der Kranken ergriffen und sie leise gedrückt. ״Ich danke Ihnen, licbcS Fräulein," sagte die Kranke, während ein mildes Lächeln ihre fein gcspaltcncn Lippen umspielte, ״ich danke Ihnen recht herzlich, daß Sie zu mir gekommen sind. Sie werden sicherlich recht glücklich werden, liebes Fräulein, denn wer einen Mann bekommt wie den Herrn Doktor —״ ,-,Ich hoffe auch glücklich zu werden," sagte Flora verlegen lächelnd. Ihr war noch immer so seltsam zu Muthe, sie wußte nicht recht, was sie sagen sollte. Doch ihr Verlobter wußte sie bald in'S Gespräch zu ziehen, an dem auch die Kranke sich betheiligte. Die Nichte derselben hatte sich gegen das. Fenster hin zurückgezogen, wo sie mit einer Handarbeit beschäftigt wor. Nach einiger Zeit trat der Doktor zum Fenster, um einige Fragen in Betreff der Kranken an deren Pflegerin zu richten. Flora'S Blicke begleiteten ihn; bald schien es ihr, daß er zu lange und zu vertraulich mit dem jungen Mädchen sich unterhalte, und um das trauliche T(He־a-lY!tc, wie sie es für sich nannte, um jeden Preis zu unterbrechen, redete sie das junge Mädchen an. ״Wie heißt Du, mein liebes Kind?" Betroffen blickte die Angeredete auf die junge Dame, die, nur um wenige Jahre älter als sie selbst, in diesem herablassenden Tone zu ihr sprach. Von wohlhabenden Eltern, hatte sie eine sorgfaltige Erziehung genossen und sie war eS noch nicht gewöhnt, von Altersgenossen von oben herab behandelt zu werden. Es lag daher eine gewisse verletzte Würde in ihrem Ton-, als sie erwiderte: ״Ich heiße Bella Aronowitsch." ״Bella heißest Du?" fragte Fräulein Lewison spöttelnd, ״armes Kind, Dl! dauerst mich wegen dieses prätentiösen Namens." ״Ich finde diesen Namen durchaus nicht prätentiös für Fräulein Aronowitsch," siel Doktor Kohn ein, ärgerlich über die Taktlosigkeit seiner Braut, ״ich finde ihn in! Gcgenthcil sehr bezeichnend." Bella errölhete, Flora jedoch warf ihrem Bräutigam einen zornigen Blick zu. (Fortsetzung folgt).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.