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Jeschurun · 1887-02-17 · Heft 7 (17.2.1887) · p. 103

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 7 (17.2.1887)
Article
Aus jüngst vergangener Zeit
Date
1887-02-17
Page
103 (sequence 2)
Language
German
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103 ״Du bist doch nicht so schlimm wie Du Dich zuweilen stellst," sagte er lächelnd, indem er abermals ihre Hand küßte. ״Nein, ich bin nicht schlimm," sagte sie gleichfalls lächelnd, indem sie den Kops an seine Schulter lehnte. ״Znm Beweis, daß ich e8 nicht bin, ersuche ich Dich, mich morgen mitzunehmen, wenn Du in das Krankenhaus gehst, ich möchte Deine Mutter kennen lernen." ״Unmöglich, liebes Kind, — d. h. für den Augenblick ist eS nicht möglich. Ich sagte Dir doch, wir müssen noch mehrere Wochen warten." ״Vis Du Dich ihr zu erkennen geben kannst, daö sehe ich ein — aber weshalb Du mich ihr nicht früher vorstcllcn kannst, daö begreife ich nicht. Komm, sei lieb, nimm mich morgen mit in das vospital und stelle mich Deiner Mutter vor. Ich werde cs weder ihr noch irgend einem Menschen, sagen, daß Du ihr Sohn bist." ״Das dürstest Du auch nicht, in dieser Bcziehnng müßte ich mich vollständig auf Dich verlassen können." ״Das kannst Du. Ich bitte Dich, wie könntest Du nur daran zweifeln! Daß ich Deine Mutter baldmöglichst besuchen möchte, das ist doch ein so natürlicher, ein so berechtigter Wunsch." ״Freilich, freilich, und ich bin Dir zu Dank ver-- pflichtet, daß Du diesen Wunsch hegst; ist er mir doch der sicherste Beweis Deiner freundlichen Zuneigung zu mir und Deines ZnrtsinneS." ״Also cs bleibt dabei, ich gehe morgen 'mit Dir ins Hospital. Wie die Leute aufblicken werden, daß ich Dich bei Deinen Krankcnvisiten begleite. Mama! Mama!" rief sic -er eben cintretenden Mutter entgegen, ״weißt Du schon die allerneueste Neuigkeit?" ״Daß Dein Bräutigam einmal eine volle Viertelstunde bei Dir ist, das ist in Wirklichkeit die neueste Neuigkeit," sagte die Dame mit vorwurfsvollem Blicke auf den Doktor. ״Schilt ihn nicht, Mama," bat das junge Mädchen, ״es ist nicht seine Schuld, daß er selten gekommen ist, das wollte ich Dir ja gerade erzählen. Denke Dir nur, die kranke Nnssin, die seit vierzehn Tagen hier im Kravkenhause liegt, ist Isidors Mutter." ״Jst'S möglich!" rief die Dame, staunend die Hände zusammcnschlagcnd, ״aber —" ״Das ist noch nicht einmal das Interessanteste," fiel Flora eifrig ein. ״Lass' Dir erzählen, Mama. Also denke Dir, seit sechszehn Jahren hat Isidor seine Mutter nicht gesehen und sie ihn natürlich auch nicht. Und seine Mutter hat ihn viele Jahre als todt beweint, vielleicht ist sie sogar dadurch blind geworden, denn sie ist blind und weiß noch heute nicht, daß er lebt." ״Aber sie liegt doch im Hospital," wandte Frau Lcwison ein, ״ich glaubte, Sic gingen täglich dorthin." ״Aber Du hörst doch, daß sie blind ist," siel Flora ein, ״und sie war so schwer krank, daß jede Aufregung ihr Leben hätte gefährden können, darum hat Isidor sich ihr noch nicht zu erkennen gegeben und muß auch noch mehrere Wochen damit warten. Aber ich werde sie morgen besuchen, Isidor wird mich mitnehmen, wenn er in'ö Krankenhaus geht." ״Jn'S Krankenhaus wolltest Du gehen, Kind? — ich weiß in der That nicht, ob das zulässig ist." ״Warum nicht? wenn Isidor mich mitnimmt." ״Es können kontagiöse Krankheiten dort sein — Du könntenst, Gott behüte —" ״Krank werden?" ries das junge Mädchen übermüthig lachend, ״ach, das Hütte nichts zu sagen, da müßte Isidor drei oder vier Mal täglich zn mir kommen, das wäre gar nicht so übel." ״Närrisches Kind," tadelte die Mutter. ״Sie können unbesorgt sein, liebe Mama," versicherte Doktor Kohn, ״augenblicklich ist nicht eine einzige ansteckende Krankheit im Hospital, sonst möchte ich doch Flora nicht mit dorthin nehmen." ״Ich wünsche trotzdem nicht, daß Sie sie dorthin führen. Ihre Mutter weiß noch nicht einmal, daß Sie ihr Sohn sind, da hat Ftora'S Besuch bei ihr doch sicher keine Eile; warten wir, bis sie das Hospital verlassen haben wird." Der Doktor verneigte sich znstimmend. ״Wie Sie befehlen, Mama." ״Was fällt Dir ein," rief das verwöhnte Mädchcn lachend, ״nach Mama'S Befehlen hast Du nicht zu fragen, nur meine Befehle sind maßgebend für Dich." ״Noch nicht, liebes Kind," entgegnete der Doktor lächelnd, ״gegenwärtig muß ich mehr Werth legen auf die Befehle Deiner Frau Mama als auf die Deinen." ״Recht so, lieber Doktor," sagte Frau Lcwison freundlich, ״setzen Sie dem unartigen Kind das Trotzköpschen zurecht.". ״Das wird er bleiben lassen," lachte Flora, ״und cS ist auch gar nicht Dein Ernst, Mama." - ״Doch, Kind, doch, es ist mein voller Ernst, gut wäre cs, wenn der Doktor Dir den Eigensinn austreiben würde." ״Ah bah, das wird er bleiben lassen, er darf über meinen Eigensinn froh sein, denn wenn ich keinen Trötzkopf hätte, würde er mich nimmer besitzen." Abermals brach sie in überlautes Lachen au-, der Doktor preßte die Lippen auf einander, übermäßiges Zartgefühl sprach gerade nicht aus den Worten seiner Braut. Die Mutter lächelte verlegen. v

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