Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1887)
- Article
- Aus jüngst vergangener Zeit
- Date
- 1887-02-03
- Page
- 72 (sequence 3)
- Language
- German
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״Ich hoffe, der Herr Doktor sind überzeugt von meiner Diskretion." ״Gewiß, gewiß, mein lieber Herr Lohfcld, liegt mir doch nichts ferner, als an Ihrer Diskretion zweifeln zu wollen. Guten Abend!" ״Wünsche angenehme Ruhe, Herr Doktor!" Aber Nahe, Ruhe sollte der Doktor heute nicht finden. Als er das Zimmer verlassen hatte, blieb er stehen, preßte beide Hände mit Gewalt auf das wild klopfende Herz und ächzte laut. — Er war im Begriff gewesen, daö Hau« zu verlassen, wandte sich jedoch plötzlich und kehrte nochmals zurück in das Zimmer der kranken Russin. DaS junge Mädchen saß am Bette; als der Arzt cintrat, erhob sie sich und trat zurück. Die Wärterin fragte verwundert: ״Haben der Herr Doktor noch etwas anzuordnen'?" Er hatte in der That noch einige Anordnungen zu treffen, die die Wärterin nöthigten, das Zimmer zu verlassen. Jetzt erst trat der Arzt näher zum Bette, leisen unsicheren Schrittes. Da lag sic, die bleiche Frau, mit den sanften, gramdurchsurchtcu Zügen. — Kanute er sic? — hatte er sie je gesehen? — unwillkürlich schüttelte er den Kops. — Diese Falten, diese Linien hatte er nie gesehen. — Und dennoch — dieses Antlitz war ihm nicht fremd — je länger er in dasselbe blickte, je mehr schwand auch der letzte Zweifel. DaS junge Mädchen, das dort von der Fensternischc aus ihn beobachtete, hatte er vcrmuthlich vergcsscn, sonst hätte er sich doch vielleicht mehr Gewalt angcthan, denn eS waren Thränen, sic war überzeugt, eö waren Thränen, die ihm über die Wangen flössen und hernieder auf daö Deckbett der Kranken sielen. Die Kleine schüttelte verwundert das Köpfchen und — Herr Gott! was war denn daö? — hatte der fremde Doktor wirklich die Hand ihrer schlununcrnden Taute au seine Lippen gedrückt? — oder hatte cö ihr vielleicht nur geträumt? Freilich, Doktor Kohu war ein Mann, von dem manch' junges Mädchen träumen mochte. Er mochte ungefähr 34 Jahre zählen, war von hohem, kraftvollem Wuchs, sein feines geistvolles Angesicht von einem wohlgepflegtcu blonden Vollbart umrahurt, war von seltener Milde, und diese Milde, der Grundzug scinc-ö Charakters, machte ihn zum Liebling aller seiner Patienten. Er war der beliebteste Damen - und Armenarzt. Die Wärterin war in das Zimmer zurück gekommen. Der Arzt konnte sich trotzdem noch nicht zum Fortgehen entschließen. Er blieb, bis er zu einem andern Kranken gerufen wurde. Die Krankheit der Russin nahm einen sehr ernsten Verlauf. Ihrer Nichte, die sich überaus aufmerksam und gewandt zeigte, war auf ihren eigenen Wunsch die Pflege ihrer Tante vollständig übergeben worden, und keinen Moment wich das junge Mädchen von ihrer Seite. Aber auch der Primararzt verbrachte jeden freien Augenblick an ihrem Krankenbette, und als das Fieber heftiger ward, war er selbst den größten Thcil der Nacht dort. Staunend beobachteten die Bediensteten dcö Hauses dieses seltsame Gebahrcn. Wohl war es bekannt, daß er weit lebhafter als die meisten Aerzte sich für seine Patienten interessirte, doch das Interesse so weit zu treiben — mein schüttelte bedenklich die Köpfe, und schon begann man zu munkeln, daß daö schöne russische Mädchen vcrmuthlich der mächtige Anziehungspunkt sei. Doch dem war nicht so. So lange die Krankheit im Steigen war, hatte der Arzt mit der jugendlichen Pflegerin kein überflüssiges Wort gewechselt. Später freilich, als die Krisis glücklich vorüber war, da hatte sie ihm öfter erzählen müssen von ihren eigenen Verhaltnissen und von denen ihrer Verwandten. Und staunend hatte sie wiederum gewahrt, daß die Augen des Arztes sich mit Thränen füllten, als sie deö tragischen Eudes ihres Onkrls erwähnte, der in Vertheidigung seiner einzigen Tochter gleichzeitig mit dieser ermordet worden war. Aber nicht nur im Hospital, auch außerhalb desselben siel das veränderte Wesen des viel beschäftigteli Arztes auf, namentlich seine Braut klagte ernstlich, daß sie vernachlässigt werde. Fräulein Flora Lewison war die einzige Tochter deS Fabrikbesitzers Lewijon, deö reichsten ManncS in der Stadt. Sic, war der verhätschelte Liebling ihrer Eltern, die nie im Stande gewesen, einen Wunsch ihres einzigen Kindes zu versagen. So wenig sympathisch ihnen Anfangs auch ihre Verbindung mit dem zwar viel beschäftigten, aber gegenwärtig noch Vermögenslosen Arzte gewesen war, und so sehr sie sich auch dagegen gesträubt halten, schließlich hatten sie doch uachgebcn müssen; Flora hatte, wie gewöhnlich, so auch in dieser Angelegenheit ihren Willen dnrchznsctzen gewußt. Und hinterdrein waren die Eltern einsichtsvoll genug, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, was hätten sie im Grunde auch an ihm auSsctzcn können. Doktor Kohn erfreute sich in jeder Beziehung eines auSgezcichneten Rufes. (Fortsetzung folgt).