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Jeschurun · 1887-02-03 · Heft 5 (3.2.1887) · p. 71

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 5 (3.2.1887)
Article
Aus jüngst vergangener Zeit
Date
1887-02-03
Page
71 (sequence 2)
Language
German
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71 Zimmer getragen worden, und dort gelang cs anch allmählig, sie wieder zum Bewußtsein zu bringen. ״Sie regt sich — Gott sei Dank! sie regt sich," flüsterte das junge Mädchen, das keinen Angenblick von ihrer Seite gewichen. ״Darf ich sie rufen?" wandte sie sich fragend an den Arzt. Dieser nickte znstimmcnd. DaS Mädchen neigte sich über die Kranke und rief zärtlich: ״Tante! liebe Tante! wie geht cs Dir?" In dem Angesicht der Kranken zuckte cs, sie wandte den Kopf zu der Seite, wo ihre Nichte sich befand. ״Bele," niurmclte sie, ״Bele, mein Kind — wo sind wir? — hält der Zug jetzt bei einer Station?" ״Wir sind nicht auf der Eijcnbahn, liebe Tante, wir sind — " ״Sie sind bei guten Leuten," fiel der Arzt ein, ״die für Ihre Pflege sorgen werden,' bis Sie vollständig wieder hcrgestellt sein werden." Bei den Worten des Arztes war die Kranke zusanlmcngefahren und hatte die lichtloscn Augen weit ansgerisscn. ״Bele!" stammelte sie, ״Bele! — wer ist da? — wer hat da gesprochen?" ״Keiner als der Herr Doktor, liebe Tante," entgegncte Bele, indem sie die Hand der Kranken wie beschwichtigend streichelte. Diese aber schien mehr und mehr erregt. ״Doktor?" flüsterte sie, ״was für ein Doktor?" ״Regen Sie sich doch' nicht auf, liebe Frau," sprach der Arzt, indem er ihre Hand ergriff und nach ihrem Pulse tastete. ״Sie nu'isscn sich ruhig verhallen, vollständig ruhig. Sie sind vermnthlich durch die ungewohnte Anstrengung der Reise erkrankt und befinden sich deshalb hier in Br.... im israelitischen Kranken- Hause, wo in jeder Beziehung für Sie gesorgt werden wird. — Ihre Nichte bleibt bei Ihnen." ״Und Sie?" flüsterte die Frau, ״wer sind Sie?" ״Ich bin Primararzt dcS Krankenhauses, und alle Kranken hier müssen meine Anordnungen pünktlichst befolgen," fügte er in scherzhaftem Tone hinzu. ״Aber Sic!nüssen sich ruhig verhalten, vollständig ruhig, sonst könnten Sie Ihre Genesung für lange Zeit verzögern." Die Kranke, die sich ein wenig aufgcrichtet hatte, war wieder zurückgesunkcn in die Kissen, ihr Athen! ging hörbar, ihre Pulse klopften. Nachdem der Arzt der anwesenden Wärterin Verhaltnngsregeln für die Pflege der Kranken crtheilt und auch den! jungen Mädchen verboten hatte, sich mit derselben in eine Unterhaltung einzulassen, entfernte er sich. Inzwischen hatte der Verwalter des Hospitals, wie cs die Hausordnung heischte, sich nach Namen, Stand und HeimathSort der Neuangekommenen Patientin | erkundigt, die Nichte derselben hatte Auskunft darüber j gegeben und war er eben im Begriff, die erhaltenen Daten in sein Buch einznschrcibcn, als der Primararzt grüßend an ihm vorüberging. ״Ergebener Diener, Herr Doktor!" cntgegnete der Verwalter, sich verneigend. ״Bitte,, einen Augenblick, Herr Doktor, das dürfte Sie interessiren." I ״Was dürfte mich intcressircn?" fragte der Arzt j' stehen bleibend. j ״Erwähnten Herr Doktor nicht einmal, daß Ihre j Familie aus E ..... stamme?" j ״Wohl möglich, daß ich das erwähnte, denn!!!eine \ Familie stammt thatsächlich von dort. Doch weshalb J fragen Sie, Herr Lohfeld?"! ״Weil die Frau, die heute Nachmittag, hierher, gebracht worden ist, aus E.ist." ״Wirklich?" rief der Arzt überrascht, ״und da frage ich beinahe sämnttliche Answandercr. die mit den! heutigen Zuge gekommen sind, ob Keiner von ihnen aus E.ist." ״Die Frau ist ans E ... .wiederholte der Verwalter. ״Sehen Sie hier die Daten, die mir das junge Mädchen angegeben." Er reichte dem Arzte sein Buch, dieser hatte kaum, einen Blick daraus geworfen, als er einen halb unterdrückten Schrei anSslicß und bebend״ wie der Stütze, bedürftig, sich an einen Sessel hielt. ״Un! Gottes Willen, Herr Doktor! was ist Ihnen? — Sic zittern. — Sollte die Kranke cine Verwandte von Ihnen sein?" Ihm ward nicht so bald Antwort. Der hochgewachsene starke Mann rang mehrere Minuten vergebcns nach Fassung. Endlich gelang cö ihn!, einige Worte hervorzustoßen. ״Möglich — möglich — ich hatte Verwandte — dieses Namens — in E." ״Es wäre ein cigenthnmlicher Zufall," sagte der Verwalter, die fcltfamc Erregung des Andern köpfschüttelnd beobachtend, ״ein wirklich seltsamer Zufall, wenn die Patientin cine nahe Verwandte des Herrn Doktor wäre." ״Es wäre möglich — daö heißt — mit Bestimmtheit kann ich noch nichts darüber sagen — der Name ist in jener Gegend nicht ungewöhnlich. — Jedenfalls möchte ich Sic sehr ersuchen, Herr Lohfeld — vor»- läufig gegen Keinen Ihre Vcrmuthung erwähnen zu wollen.— Denn wenn sie sich möglicherweise auch be* [tätigen sollte — gegenwärtig ist — ist — sie ist sehrschwer krank," fügte er mit leicht vibrirender Stimme hinzu, ״die geringste Aufregung -könnte geradezu lebenS-- gefährlich-werden — bitte daher, auch gegen das junger Mädchen — überhaupt gegen Jeden davon-zn schweigen/*׳

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