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Jeschurun · 1887-01-27 · Heft 4 (27.1.1887) · p. 56

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 4 (27.1.1887)
Article
Aus jüngst vergangener Zeit
Date
1887-01-27
Page
56 (sequence 3)
Language
German
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In gespannter Erwartung blickt Alles hinaus zu > den Waggons, die die Opfer menschlicher Grausamkeit | bargen. Die Schaffner rufen den Namen der Station j und öffnen die Thürcn, Alles muß anSstcigcn. Langsam entleeren sich die Waggons, denn cS sind größtenthcilS müde, abgehetzte Menschen. Auch viele kleine Kinder sind unter ihnen, die von den Eltern thcilS getragen, thcils nur aus den Waggons gehoben werden müssen. Aber auch hierbei sind die Mitglieder des Komitees hülfbcreit zur Stelle. Man sieht elegant gekleidete Damen, die Thrüncn des MitlcidS im Auge, kleine, nichts weniger als sauber gekleidete Kinder auö den Waggons heben, wankende, in' Lumpen gehüllte Fraucngcstalicn stützen. — Und dann wetteifern Herren und Damen mit einander in Aufmcrkjamkcit gegen die Unglücklichen, die nun erquickt werden durch Speise und Trank und, so weit als möglich, mit dem Nothwendigsten versehen werden. Jedes Geschlecht, jedes Alter ist unter den Auö- Wanderern vertreten, vom Säugling bis zum Greis. Man sicht auch hohe, kräftige, jugendliche Gestalten unter ihnen, doch das Aussehen Aller ist gedrückt und sorgenvoll; mir die jüugern Kinder blicken frisch und neugierig in die Welt hinein, weder die erlebten Schrecken der Vergangenheit noch die drohenden der Zttknnst vermögen das Behagen des Augenblicks ihnen zu beeinträchtigen. Auch mehrere Aerztc befinden sich auf dem Perron, ihr geübter Blick hat rasch die doppelt Leidenden unter den Bcrtriebencn gesunden und sie bemühen sich, so weit als möglich, mit Nath und That ihnen beiznstehcn. Doch die kurze Rast ist allzu rasch vorüber, schon läutet cS zun! Einstcigen, Alles drängt zu den WaggonS, als plötzlich ein gellender Aufschrei gehört wird. Eine Frau ist ohnmächtig geworden und liegt bewußtloS in den Armen eines ans dem Perron kuieendcn weinenden jungen Mädchens, daö sie zu halten bemüht ist. Nase nach einen: Arzt werden laut und rasch ist ein solcher zur Stelle, der die Ohnmächtige zurück in den Wartesaal bringen läßt und sich dort um sie bc* müht. Daö junge Mädchen, sowie mehrere Damen vorn Komitee folgen dorthin. Aber die Unglückliche war nicht so rasch zu erwecken; schon läutete cS zum zweiten Mal "und sie hatte sich noch nicht einmal geregt. Da ward die Thür deö Wartesaals aufgcrissen, ein Mann stürzte herein. ״Herr Gott! wo bleibt Ihr? Der Zug wird sogleich abgchen." ״Onkel David!" schluchzte das Mädchen, ihm cntgegeneilend, ״die Tante ist umgcfallen und jetzt liegt sie da — und rührt sich nicht!" fügte sie Händeringend hinzu. ״Gerechter Gott!" rief der Mann, die Hände zusammeuschlagcnd, ״wie soll daö werden? — wir müssen fort." ״Ich gehe nicht von der Tante," erklärte daö junge Mädchen, indem sic sich wieder zu der 01)11־ mächtigen wandte, deren kalte Hände sie durch den Hauch ihres Mundes zu erwärmen suchte. ״Die Frau wird nicht so bald im Stande sein, die Reife sortznsctzcn," sagte der Arzt, ״gehört sic zu Ihrer Familie?" wandte er sich fragend an den Mann, den daS Mädchen Onkel David genannt hatte. . Dieser zuckte die Achseln. ״Ob sie zu meiner Familie gehört? — Die Acrmste ist mein Geschwisterkind — den Mann und die Tochter haben sic ihr erschlagen, und seitdem ist sie mit dem Kinde, dem sic auch die Eltern erschlagen haben, immer mit uns znsammengcbliebcn, denn sie hat sonst keinen — und wir haben gemeint, sie sollten auch in Newyork bei nnS sein. — Aber ich raun unmöglich warten," — fuhr er hastig fort, ״ich habe in Newyork einen Vetter, der mir einen Posten bei sich angebotcn hat, wenn ich sofort hcrüberkonunc." ״So setzen Sic ungehindert Ihre Reise fort," sagte der Obmann des Komitees, der eben hinzugetreten war, ״und thcilcu Sie uns von Newyork aus Ihre Adresse mit; bis dahin wird Ihre Verwandte hier verpflegt werden. Sobald sic genesen ist, schicken wir sic mit dem jungen Mädchen zu Ihnen." Der Mann war einverstanden, nickte den: Mädchen zu. trug ihr Grüße für die noch immer Bewußttosc auf, dann eilte er hinaus, denn cS war bereits die höchste Zeit cinzustcigeu. Gleich darauf ertönte das Pfeifen der Lokomotive und der Zug brauste vorüber. Unwillkürlich zuckte das junge Mädchen zusammen und blickte um sich, jetzt war sie ganz allein unter lauter fremden Menscher, beim die Ohnmächtige hatte sich noch immer nicht geregt. - ״Sie muß inS Hospital gebracht werden," erklärte der Arzt," dort wird cö rascher gelingen, sic zu erwecken." ״Ich kann doch mit dorthin gehen?" fragte daö junge Mädchen schüchtern. ״Gewiß, Kind. — WcnigsteliS für den Augenblick. Ob Ihnen der Aufenthalt dort für längere Zeit gestattet werden wird, das kann ich nicht bestimmen." ״Sie können bei mir sein, liebes Kind, so lange Ihre Verwandte im Krankenhaus sein wird," sagte eine der Damen, indem sie die noch immer thränenübcrflnthetcn Wangen deö zarten Mädchens streichelte. (Fortsetzung folgt).

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