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Jeschurun · 1887-01-27 · Heft 4 (27.1.1887) · p. 55

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 4 (27.1.1887)
Article
Aus jüngst vergangener Zeit
Date
1887-01-27
Page
55 (sequence 2)
Language
German
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Von Neuem erbebte der starke Mann und dieses Mal unter lautem Schluchzen. Fürst T .... w fühlte sich mächtig erschüttert, einige Minuten verharrte er schweigend, dann trat er dicht an den Schluchzenden hinan und indem er seine Hand ans dessen Schulter legte, sprach er mit merklich bebender Stimme: ״Aronowitsch, Ihr seid in Wirklichkcit ein braver Mann — und darum will ich, trotz des Verbotes des Kaisers, Euch eine Mitthcilnng machen, die Euch Trost gewähren wird in Eurem bercchtigtcn Schmerz. — So wisset beim; eö heißt zwar, daß Euer Sohn durch eigene Schuld in waghalsigem Ucbcrmuth verunglückt ist — ich aber, der ich mich in seiner unmittelbaren Nähe befand, ich halte mich überzeugt, daß dem nicht so ist. — Euer Sohn hatte das Wohlgefallen des Kaisers erregt, Sr. Majestät hatte versprochen, für seine fernere Ausbildung sorgen zu wollen und ihm eine glänzende Zukunft in Aussicht gestellt, als der Vorgesetzte Eures Sohnes daraus anfmerksam machte, daß der junge Mann Israelit sei. Daraus befahl der Kaiser in wohlwollendster Absicht für Euren Sohn, .daß derselbe die Taufe empfange. Ich sah Euern Sohn erbleichen, er hatte kein Wort dcö Dankes für die kaiserliche Gnade — aber er bat um Erlanbniß, vor Sr. Majestät sich als Schwimmknnplcr prodnzircn zn dürfen. — Ich sah den gcisterblcichcn Jüngling mit sicherer Gewandtheit sich aus das Schisssgeländcr schwingen — ich sah seine Lippen beben — ich hörte ihn stüstcrn in einer mir unbekannten Sprache — und — Aronowilsch — Euer Sohn ist nicht vcrunglückt in waghalsigem Ucbcrmuth — er —״ ״Er ist mckaddcsch Haschen! gewesen!" siel Aronowitsch laut schluchzend ein, ״er hat sich den Tod gegeben, weil er sich seine Religion nicht hat nehmen lassen wollen! — Gelobt sei Gott! — Gelobt sei Gott! — nun will ich'S schon ertragen, daß ich ihn nimmer wieder sehen soll — meinen einzigen, braven, prächtigen Sohn! — nun ich weiß, daß er gestorben ist, um mckaddcsch Haschen! zu sein! — Gelobt sei Gott! — Gelobt sei Gott!" * Vierzehn Jahre waren verstrichen. Es war im Frühling dcS Jahres 1861, hundcrtundvicrzig Jahre, nachdem der große Friedrich crllärt hatte, daß in seinem Reiche Jeder nach eigener Fcn.-on selig werden könne. Nicht zehn Jahre waren verstrichen, seitdem Ströme semitischen BlntcS, vermischt mit dem der Arier, ans den deutsch-französischen Schlachtfeldern für die Größe, für die Einheit, für den Ruhm dcö deutschen Vaterlandes geflossen. Und man sagt, Blut wäre ein fester Kitt für die Herzen Schulter an Schulter kämpfender Völker, nicht nur für die Dauer des Kampfes, sondern für die ganze Dauer ihres Bestehens. Lächerlichkeit! — Unser Jahrhundert, daS so manchem Köhlerglauben siegreich entgegengetreten, hat auch diese Behauptung kindlicher Naivctät glänzend widerlegt, cS hat gezeigt, daß mau zwar jüdisches Geld und jüdisches Blut, wenn man eö braucht, nach Gebühr zn schätzen weiß. — Doch im Ucbrigcn — Wir wollen unö jetzt nicht in Klagen ergehen, wir wollen nur konstatirc!!, daß eS die Metropole der Intelligenz par excellcnce, daß cS die Vaterstadt Friedrich des Großen, in der die Gistsaat gestreut worden, daß ein Priester der Religion, der Liebe cS ist. der Haß und Feindschaft, Neid und Mißgunst öffentlich gelehrt. In alle Richtungen der Windrose ward sie verweht, diese Drachensaat, und wo sic entsprechenden Boden fand, da wuchs sie empor und trug tausendfältige Früchte. Den besten Boden fand die Saat ans den rnssischcn Tristen und Gefilden, wo der Kautsch!! herrscht, wo die Knute regiert. — Sie umwandclte bis dahin friedliche Menschen zu Hyänen, die ihre friedlichen Nachbarn, mit denen sie bis dahin im besten Einvernehmen gelebt, überfielen, beraubten, mordeten. Doch wir wollen hier nicht alle die entsetzlichen Greuel rckapitulircn. ES war, wie bereits erwähnt, im Frühling deS Jahres 1881. In Europa fand sich nicht Raum für die vielen Tausenden ihrer Hcimath und ihrer Habe beraubten russischen Israeliten. Die Thcrlnahme deS ganzen WeUthcilcö war erregt, die Opferwilligkeit unserer Glaubensgenossen zeigte sich im glänzendsten Lichte, doch das Elend war allzu groß, um demselben radikal abhelscn zu!ömtcii; so griff man zn einem Palliativmittcl, indem man die Vertriebenen schaarcnweise über den Ozean in die neue Welt sandte, auf daß sie dort eine neue Hcimath fänden. In allen jüdischen Gemeinden hatten sich Komitees gebildet zur Unterstützung der unglücklichen Auswanderer. In allen größeren Städten, die die Züge der. Ans- Wanderer passireu mußten, waren Vorkehrungen getroffen, die Unglücklichen auf der Durchreise zn erquicken, die Schlechtgcklcidetcn mit bessern Kleidern zu versehen und sie überhaupt,- so weit als thnnlich, zu unterstützen. Wir befinden uns auf dem Perron in Br.... Die Herren und Damen dcö Komitees zur Unterstützung jüdisch-russischer Auswanderer sind vollzählig anwesend, denn ein Zug jüdischer Auswanderer ist bereits avisirt. Für Erfrischungen aller Art ist reichlich gesorgt, kalte und warme Getränke, große-Körbe mit Backwerk u. s. ro; Jetzt ertönt das Signal, und gleich darauf braust der Zug einher.

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