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Jeschurun · 1887-01-20 · Heft 3 (20.1.1887) · p. 40

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 3 (20.1.1887)
Article
Aus längst vergangener Zeit
Date
1887-01-20
Page
40 (sequence 2)
Language
German
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glaubte sie den eigenen Augen nicht trauen zu dürfen, als sie einen nobel gekleidete?? Herrn vor sich sah. ״Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich störe," sprach der Fremde freundlich, ״doch ich komme im Aufträge Sr. Majestät unseres allcrgnädigstcn Kaisers." Gcrschom Aronowitsch war rasch aufgrstanden und hatte sich tief verneigt. 3״m Auftrag unseres allergnädigflen Kaisers?" wiederholte er staunend, ״was kann unser allergnädigstcr Kaiser — leben soll er huudcrtundzwanzig Jahr' und darüber — von seinem attcrunterlhänigsten Diener verlangen?" ״Sr. Majestät verlangt nichts von Euch," erwiderte der fremde, unwillkürlich lächelnd, ״Sr. Majestät hat mich nur beauftragt — Ihr seid doch der Vorsänger der hiesigen Judengcmeinde? — nennt Euch Gcrschom Aronowitsch?" ״Zn dienen, gnädiger Herr," cutgcgnete Aronowitsch, sich abermals verneigend, ״Beides stimm!." ״Euer Sohn dient bei der Marine Sr. Majestät?" ״Unser einziger Sohn," flüsterte Frau Vele seufzend. Der Anödruck tiefen Mitgefühls lagerte sich auf daö intelligente Angesicht des Fremden: einen Augenblick zögerte er, dann fuhr er fort, doch mit merklich bewegter Stimme: ״Euer braver Sohn hatte vor einiger Zeit Gelegenheit, unscrm allcrguädigstcn Kaiser einen Dienst zu erweisen. — Se. Majestät hatte ein Kleinod von hohem Werth verloren, Euer Sohn fand cS und stattete eö sofort zurück. — Se. Majestät haben mich daher beauftragt, den Eltern des wackcrn Knaben den Finder!ohn von dreihundert Rubeln zu überliefern." Fürst T .... w breitete bei diesen Worten drei Hundert- Nubelscheine vor den Augen dcS überraschten EhepaarcS aus. ״Gnädiger Herr," stammelte Aronowitsch, vor Freude ganz verwirrt, indem er sich nochmals und abermals fast bis zur Erde verneigte. ״Ich weiß in der That nicht, wie wir das verdient haben — dreihundert Rubel. sind viel Geld — und. unser Sohn hat doch nur seine Pflicht gethan, daß er das Gefundene zurnckcrstattet — ich weiß׳ in der That.nicht, ^wie ich uuserm allergnüdigsten Kaiser danken kann. :— . Aber wenn der gnädige Herr uns noch eine Gnade erweisen wollte —- wir haben heute Sabbath — und am Sabbath dürfen wir kein Geld in die Hand'nehmen — wenn der gnädige Herr die Gewogenheit haben wollte und daö viele Geld dort auf den Kasten in die Eörogdosi legen wollte."; - - .־ ״Das will ich thun," versetzte der Adjutantdes Kaisers lächelnd, und froh, daß ihm der Auftrag, dessen Ausführung er so lange gefürchtet hatte, so leicht gemacht worden, war er eben׳ tm Begriff, sich zu entfernen, als Frau Bele ihm bis zur Thür nacheilte und ihn? den Weg vertrat. ״Verzeihung, gnädiger Herr!" stammelte sie, ״noch ein Wort.— nur ein einziges!" Fürst T .... w preßte die Lippen auf einander, voll inniger Thcilnahme blickte er auf die bebende Frau, deren Zähne wie im Ficbersrost aneinander schlugen. Er hatte die Frage, die daS ahnungsvolle Mutterherz an ihn richten wollte, errathen. Eine Pause entstand, die Frau rang vergebens nach Worten, endlich gelang es ihr. ״Warum —" flüsterte sie, ״warum gicbt der Kaiser' das Geld uns? —' warum giebt er es nicht unscrm Sohne?" Gcrschom Aronowitsch blickte sie betroffen an und dann den ihr gcgcnübcrstehcnden Fremden. ״Die Frau hat Recht," sprach er langsam, indem er sich mit der Hand über die Stirn fuhr, ״weswegen schickt der Kaiser uns den Finderlohn, der unserm Sohn gebührt?" Fürst T .... w war im Begriffe, eine AnSredc vorzubringen, die Frau hatte jedoch sein Zögern gemerkt und cS richtig gedeutet, sie stieß einen halb unterdrückten Schrei aus, und stndcm sic die Hände des Fürsten mnktammcrte, stammelte - sie: ״Mein Sohn! — mein Sohn! — Um Gott! wo ist mein Sohn?" ״Wo ist unser Sohn?" wiederholte gleichfalls drängend ihr Gatte, ״um Gottes Barmherzigkeit willen! — gnädiger Herr — reden Sie — was ist'S mit unscrm Sohn?״ Wie in Todesangst blickten Beide aus zu dem Fremden, der selbst in heftigster Erregung ihnen gegenüberstand. ״Fasset Euch, Ihr guten Leute," bat er, ״ich witt Euch Alles mittheiken, was Ihr zu wissen begehrt — aber Sic müssen sich zuvor setzen, gute Frau." Er geleitete die heftig Zitternde zu einem Sessel, in dem er sie sanft nicderdrückte. Gerschom Aronowitsch, sonst der ansmerksamste Garte,' schien dieses nicht zu gewahren. ״WaS ist'S mit unserm Sohn?" stammelte er noch dringender, ״was ist'S mit unserm Sohn?" Der Adjutant sah ein, daß er cö nicht länger verschweigen konnte, und in freundlich theilnchincndcn Worten theiltc er den unglücklichen Eltern das Entsetzliche mit. Ein gellender Aufschrei ans beider Munde und ich nächsten Moment lag die Frau bewußtlos ans der Erde. . (Fortsetzung folgt).'

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