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Jeschurun · 1887-01-20 · Heft 3 (20.1.1887) · p. 39

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 3 (20.1.1887)
Article
Aus längst vergangener Zeit
Date
1887-01-20
Page
39 (sequence 1)
Language
German
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Aus jungst MMgener Zeit. Novelle von Friedrich Rott. —(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) In dcm Kachelofen im Hintergründe brannte knisternd ein Helles Feuer, in den beiden Röhren des OfenS standen die Sabbathspeisen bereits angcrichtet lutb verbreiteten in dem behaglich erwärmten Raum einen kräftig gcwürzhasien Dust. Auch das Oel in der Sabbathlampe qualmte ein wenig, doch das merkte man kaum, keincufalls änderte der unbedeutende Qualm die Behaglichkeit der Sabbathstube. Musternd streifte der Blick der sorglichen HauSfran durch den traulichen Raum, er fand Alles richtig an Ort und Stelle. Ein Lächeln der Bestiediqnng erhellte das milde Antlitz der Matrone und ließ cS fast jugendlich erscheinen, doch befand sich Frau Aronowitsch bereits im Anfang der Vierzigen. Aber man konnte sie noch immer eine stattliche Frau nennen, ihr Gatte betrachtete sie sogar noch als die Schönste. Und wenn man in daS ferne durchgeistigte Antlitz blickte, das durch die vermehrte Arbeit am Nüsttag des Sabbaths zart gcröthet erschien, die fein gespal- Lenen Lippen, die edel geformte, leicht gebogene Nase, und zu dein Allen diese großen dunklen, seclcnvollcn Augen — dann mußte man dem Vorsänger zustim-!neu, seine Frau konnte in Wirklichkeit noch als Schönheit gelten. Sic war überaus einfach, doch auch überaus sauber gekleidet, ein dunkles, eng anschließendes Kattunklcid, eine blütheuweiße Haube von schmal gefalteten Tüllstreifen. . Nachdem sie die Sabbathlichtcr angezündet, nahm sic ein silberbeschlagenes Gebetbuch und sprach das SabbatH-Abcndgebet; bevor sie das Buch wieder fortlegte, drückte sie es ehrfurchtsvoll an die Lippen. Dann ordnete sic den Tisch, und noch bevor sie damit fertig war, trat ihr Gatte Gerschom Aronowitsch mit freundlichcm Gruß Ln das Zimmer. ״Guten Sabbath, .Bete leben, mein Kind!" Doch anscheinend ohne den Gegengruß seiner Frau zu beachten, begann er, die Hände auf dem Rücken übereinander gekreuzt, im Zimmerauf und nieder )vandelnd, mit schöner sonorer Stimme zu singen: ״Ein braves Weib, wer findet es? seltener als Perlen ist ihr Kaus" u. s. w. Und dann.sang er von den Engeln des Höchsten, den dienenden Engeln, die auf Geheiß des Höchsten herniedersteigcn, den Frommen Sabbathruhe zu bringen. Und es schien in Wirklichkeit, als waltettn Gottes Eugei in dem ärmlichen und doch so trauten Raum, tiefer Friede, heilige Sabbathruhe. Auch Frau Bele schien die Gegenwart dieser Engel zu empfinden, nachdem sie den Tisch gedeckt, hatte sie auf der Bank neben dcm Ofen sich niedergelassen, ihre Hände ruhten im Schooße, ihre'leuchtenden Augen'hingen an dem Gatten, der, noch immer auf- und niederwandelnd, die herrlichen Loblieder sang. Als er geendet, trat er zu der Frau am Ofen und, indem er sich zu ihr neigte, legte er die eine Hand um ihre noch immer zarte Taille und hob׳ mit der andern ihr Haupt und blickte zärtlich ihr in die׳' Augen. ״EschcS chajit mi jimzo?" sagte er, sie an sich drückend, ,,ich hab's gefunden."; : Die Frau lehnte lächelnd einen Augenblick ihr Haupt an seine Brust, dann aber stand sie auf: ״Wenn es Dir recht ist, so waschen wir uns und Du machst Kiddusch, die Suppe wird nicht besser durch' das längere Stehen." ״Ob mir's recht ist? — heißt 'ne Fratze! — Weswegen sollt' mir's nicht recht sein, Bele, mein Kind? — einen Appetit Hab' ich Dir mitgcbracht." ״So laß uns eilends zu Tische gehen." ' ״Nur stat! — nur stat! — gleich bin ich so weit." ־' Er legte den langen pelzverbrämten Oberrock ab, vertauschte die schwere Pelzmütze mit einer leichtern Hauskappe und folgte daun dem Beispiel seiner Fraudie bei dem in einer Ecke des Zimmers befindlichen ״Gießfasse" sich die Hände bereits gewaschen und am Tische ihren gewohnten Platz eingenommen hatte. : Der Mann ließ sich au ihrer Seite nieder, nahm ׳ den Becher mit Nosincnwciu in die rechte Hand, und, indem er den Oberkörper leicht vor und rückwärts wiegte, sang er mit lauter, volltönender Stimme das Kidduschgebet. Andächtig lauschte die Frau seinen Worten, uftb immer, wenn, er die Worte sprach: ״Gelobt seiest Du Gott!" dann flüsterte sie halblaut: ״Gelobt sei Er und gelobt sei Sein heiliger Name!" Als das Kiddnschgebet beendet, trank der Mann von dem Weine und reichte dann das Glas seiner Fran, dann hob er die beiden geflochtenen Brode und sprach den vorgeschriebenen Segensspruch und schnitt daun von dem einen der beiden 'Brode zwei Stücke,! für sich und seine Frau. ' Beide waren so vertieft -in Ausübung dieser rcligionSgesetzlichen Observanz, daß sie ein leises Klopfen' an der Thür überhört und nicht beachtet hatten, daß dieselbe sich in den Angeln gedreht. Sie mochten die Sabbathfrau vermuthet haben, die am Sabbath vdn Zeit zu Zeit in daö Zimmer?am, um das Feuer im Kachelosen zu unterhalten. ׳׳ ׳ Aber es war nicht die Sabbathfrau, die ln daS- Zimmer getreten. Als Frau Bele den Blicj hob,״

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