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Jeschurun · 1887-01-20 · Heft 3 (20.1.1887) · p. 34

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 3 (20.1.1887)
Article
Das Bewußtsein vom Judenthum
Date
1887-01-20
Page
34 (sequence 2)
Language
German
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34 Personen sich deS gleichen Wortes bedienen, und ein Jeglicher von ihnen verbindet mit diesem Worte einen uabmi Begriff. Man bedenke doch nur,, wie d3S heiligste aller Worte ״Gott", je nachdem der Begriff ist, den die Menschen, die ihn im Munde fuhren, damit verknüpfen, die verschiedenartigsten Vorstellungen decken soll. Von dem rohen und verfeinerten Schamanenthum und Fetischismus bis zum Pantheismus der Philosophen sott dieses heiligste Wort allen anderen Vorstellungen, nur nicht der einzig wahren als Bczeichnnng dienen. Hatten unsere Weisen nicht Recht, da sie anordneten, daß eine von einem Minner geschriebene Thorarolle ■ verbrannt werden solle, weil der Schreiber mit dem Gott andeutcnden Zeichen einen ganz andern, seiner bethörten Einbildungskraft entstammenden Begriff damit augedeutet habe, .einen Begriff, der um so mehr ganz bestimmt eine Leugnung deö GottesbewußtseinS vorstellt, als jede andere als die wahre Vorstellnng von Gott eine Negierung und Fälschung deöselben ist? Und ebenso verhält cö sich mit dem Worte Judenthum. Jener Mann, der mit solcher Ostentativ!! sich seines Bekenntnisses zur jüdischen Religion rühmte, und die vielen Anderen, welche sich stolz in die Brust werfen und sich als jüdische GlaubenSheldeu dünken, weil sie ״ihr Judenthnm nicht verleugnen", schieben den! Worte einen ganz anderen Inhalt unter als ihm in Wahrheit zukommt. Die Einen, wähnen, den ״geläuterten" Begriff des JndenthnmS erfaßt zu haben, da sie, als Erbtheil ihrer Ahnen, ein rcgeS Mitgefühl mit der Nebenmenschen Leid und Sorge cmpsindcn und barmherzig und wohlthätig sind. Die Anderen glauben, begeisterte und opscrmuthigc Bekenner .deS JudenthumS zu sein, weil sic cS verschmähen, einer anderen NcligionSgemcinschaft bcizutretcn, welche ihnen bedeutendere äußere Vorthcile zu gewähren in der Lage ist. Die Einen vermeinen, nicht nur Bekenner, sondern recht eigentlich die wahren Vertreter des Indenthumö zu sein, da sic für die politischen und bnrgcrlichcn Rechte der Juden tapser cinstehcu. Die Anderen betrachten sich als glaubenStrcuc Juden, weil sic als Vorsteher und Vertreter der Gemeinde den Angelegenhe.itcn einer jüdischen Gemeinde Zeit nnd Kraft zum Opfer bringen. Die Einen halten sich' für fromme. Juden, da sie doch hin und wieder die Synagoge aufsuchen, die Anderen, weil sie doch jedenfalls am Nosch Haschana und Joni Kippur die Arbeit cinstcllen, ihre Kinder noch in den Abrahamöbund allsnehmen lassen, oder gar noch am Peßach neben Chamez auch Mazzoth im Hause haben. Dasjenige Moment, welches sie aus dem Jndenthnme sich noch bewahrt haben, oder der Umstand, daß sie noch nicht sormell sich von ihm öffentlich durch Anschluß an eine andere religiöse Gemcinde loögcsagt, das ist der volle Begriff ihres Judenthumö, dessen sie sich rühmen. ׳. ES fällt ihnen aber nicht ein, sich einmal den Gedanken näher zu bringen: ist cS denn auch in Wahrheit Judenthnm, welches sie so nachdruckSvoll ״ihr" Judenthnm nennen? Kann cS denn Judenthum sein, welches sie, je nach Zufall, Laune, Bequcmlichkcit, Gewohnheit als irgend etwas Heiliges sich bewahrt haben und gern bekennen? Wie? ES wäre denkbar, daß ein Volk seit Jahrtausenden ein Gesetz .als von Gott gegeben unter den erdenklich größten, in jedem Augenblicke zu bcthätigcndcn Opfern gewissenhaft erfüllte, ohne daß ein äußerer Zwang einen solchen beispiellosen Gehorsam erzeugte,— und auS diesem in alle Verhältnisse deS Einzel-, Familien- und GemeiudelcbeuS seine regelnde Ordnung tragenden Gesetze könne sich Jeder, ein oder das andere ihm gerade Zusagende oder Bequeme hcroorsnchcn und unter Mißachtung und in Ungehorsam zu allen anderen sich als treuer Sohn dieses Gesetzes, als begeisterter Bekcuner dieses Gesetzes dünken nnd rühmen? Von warmen ist ihn! denn die Offenbarung gckonuncn, daß gerade dieses von ihm hcrauSgchobcne Moment das eigentliche Judenthnm, alles Andere aber wcrthlos, unrichtig und nicht zu Recht bestehend sei? Diese Frage hätte ihre volle Berechtigung, selbst wenn das Judenthum nichts Anderes wäre, als eine von Menschen ersonncne Form zur Bcthätiguug ihres religiösen Bedürsnisscs, als die Vorstellung, welche die Sterblichen von dem ewigen Göttlichen sich gestalten, als ein ReligionSsystcm, das in der That der Vergangenheit angehörte und keine Geltung mehr im Kreise deS Lebend zu beanspruchen hätte. Sie wären ebenso wenig berechtigt, ein von ihnen willkürlich ersonnenes Moment als Judenthnm zu bezeichnen und sich aufrichtige Bcleuuer deö Judeuthums zu nennen, wie cS gewiß als eine Fälschung der Wahrheit gekennzeichnet werden würde, wenn Jemand einen einzigen Satz auS einem Lehrsystcm als die ganze den Namen deS Weisen .tragende Philosophie bezeichnen'wollte. (Fortsetzung folgt.) MWe AnßkdelMg in Spanien. In der vorigen Nummer ist unter ״Spanien" von unscrm Herrn ^V.-Korrcspondcntcn hcrvorgehobcn worden, daß es der größten Vorsicht bedarf, um den jetzt vielfach ventilirtcn Gedanken einer sogenannten ״Rückkehr der Inden nach Spanien" objektiv aufzufaffen i und sich nicht von Hoffnungen und Wünschen in seinem

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