Wissenschaftliche Zeitschrift für jüdische Theologie
- Journal
- Wissenschaftliche Zeitschrift für jüdische Theologie
- Volume
- 1847
- Issue
- Heft 3
- Article
- Literarisch-kritische Übersicht
- Date
- 1847-01-01
- Page
- Seite 99 (sequence 6)
- Language
- German
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96 Literarisch - kritische Übersicht. Wenn auf der «inen Seile dem aufmerksamen Beobachter und Kenner der Zeit die Erlangung und Sichtung der Materialien, insofern sie geschichtliche Bedeutung haben, für die Gegenwart weit leichter sein muß als für frühere Zeiten: so bietet jedoch die Beurtheilung und Darstellung der Zeit, von deren Strom man selbst umflossen ist, eigcnthümllche Schwierigkeiten dar. In die Zeit sich doch über dieselbe zu stellen, mitwirkend und mitleidend doch mit feinem Gefühle daS Ziel zu erkennen, wohin Alles treibt, die Zukunft zu ahnen in der Gegenwart, das heißt, dem Historiker auch noch daö Amt dcö Propheten übertragen. Und doch kann cs dem gleichzeitigen Schriftsteller nicht erlassen werden, während der Bearbeiter der Vergangenheit in der aus ihr bereits vollzogen Entwickelung ein Regulativ für sein Unheil hat. Schwieriger ist auch die Unbefangenheit zu bewahren, die Gerechtigkeit zu üben in der Darstellung der Gegenwart. Schon die Aufgabe, einem jeden Gegenstände die Stelle einzuräumen, die ihm gebührt, den einen, welcher vielleicht seinen persönlichen Verhältnissen nahe liegt, nicht zu sehr Ln den Vordergrund treten zu lassen, den andern, der ihm und seinen Neigungen ferner steht, nicht zu sehr zurückzudrängen, ist sür den Schriftsteller nicht leicht. Dazu kommt noch die Vcsorgmß, durch Unheile über unfertige Gegenstände, über lebende Personen anzustoßen. Allein will der Historiker seine Aufgabe genügend lösen, so muß er wenigstens lauschen auf die leiseren und helleren Laute der Gegenwart, die die Stimme der Zukunft zu werden versprechen, so muß er für alle ihre Bestrebungen ein offenes Auge, «ine ungetrübte Theilnahme besitzen, den Muth haben, auch daS radelnde Wort über Richtungen und Bestrebungen zu sprechen, welche, seiner Überzeugung nach, die nahe Zukunft selbst richten muß, doch auch die Klarheit, die naturgemäße Erscheinung, die Rorhwcndigkeit solcher geschichtlichen Thatsachen. als, freilich vorübergehender, Momente der Geschichte anzuerkenncn. und wiederum die Fähigkeit, Alles. waS auf die Oberfläche hcrvortritt, in diesem Zusammenhänge darzustellen und'so ebensowohl die geschichtliche Erkenntnis wie die Entwickelung der Zustande zu fördern. Herr Vr. Jost scheint seine Aufgabe nicht in diesem Sinne betrachtet zu haben; er würde sonst weniger statistisch verfahren sein, manchen Stoff, der uns nur als ein unnützer Ballast erschei-