Wissenschaftliche Zeitschrift für jüdische Theologie
- Journal
- Wissenschaftliche Zeitschrift für jüdische Theologie
- Volume
- 1837
- Issue
- Heft 3
- Article
- Frankfurt a. M. [Nachricht]
- Date
- 1837-01-01
- Page
- Seite 472 (sequence 2)
- Language
- German
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472 Nachrichten. solcher sprecheentströmen könnten. Aber über die Stimmung und Gesinnung, aus welcher diese Klagen nun einmal hervorgegangen sind, habe ich noch eine andere Ansicht. Ich sehe nämlich in denselben die Frucht einer Koketterie mit dem poetisch sein sollenden Schmerze und Affectätion eines solchen. Wir leben jetzt allerdings in einer Zeit des Schmerzes und der Sehnsucht, und in der Iudenheit kann dieser Grundzug, welcher durch die Erscheinungen geht, sehr wohl seine eigentümliche Modlsication ännehmen. Ich könnte mir sehr wohl denken, daß tiefere Gemü'Lher, denen es aber an der ächten männlichen Lebenskraft gebricht, in der socialen wie religiösen Stellung eine gewisse Schalheit empfinden, weil die Wehen neuerer Gestaltungen, des Vergehens und Werdens, über sie Hereinbrechen, so daß sie die trauliche Ruhe der Vorzeit verlieren, ohne die Freude des Mitwirkens in der Gegenwart zu genießen. Ich kann mir denken, daß ein tieffühlender Jude die Eigenthümlichkeit der Sitten, welche seine Glaubensgenossen bis vor Kurzem fest umschlang, nun aber immer mehr verwischt wird und werden soll, licbgewonnen hat, und ihn dieses Abbleichen und Verschwimmen tief schmerzt; daß er die schwachen Hoffnungen volkstümlicher Zukunft gerne Hegte, in der Liebe gegen die Seinen, mit Ausschluß aller ihm ferner Stehenden, sich einen Kreis bildete, der ihm enge befreundet dastand,, und aus welchem er alle Uebrigen, die ihm gleichgültig waren, verbannte, und er nun, aus seinen schönen Lräumen gerissen, die Zukunft leer, alle alten Bande gelöst und die neuen nicht fest geknüpft erblickt. So wie dies ihm in der socialen Stellung Israels erscheint, wo er das Volk Israel mit einem überall hin zerstreuten Gliede anderer Völker vertauschen soll, so kann ihm auch der Vergleich zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart in religiöser Beziehung schmerzlich fein. Während er in der Vorzeit einen festen Glauben erblickt, eine bestimmte Regel für sein Denken nnd Thun und ein ganz unbezweifeltes Verhältnis', in welchem er zu dem ihm, als Israeliten, besonders nahen Gotte steht, erkennt, findet er nun Alles in Frage gestellt, und es werden seine früheren religiösen Gefühle als an Unrichtiges geknüpft ihm entrissen; er muß überall erst prüfen, seine alten Ideen sind ihm untergegangen und neue haben sich noch nicht festgestellt. Einen solchen Schmerz kann ich mir in einem von der Zeit berührten, aber ihre Bewegung nicht in sich ausnehmenden und überwindenden, einem poetischen, aber, wenn ich so sagen darf, weiblichen Gemüthe sehr wohl denken, und würde ich dessen Klagen lesen > ich würde Lief mit ihm empfinden und bedauern, daß die gewaltsame Macht der Verhältnisse, ungeachtet ich sie segnend anerkenne und mich des Fortschrittes und des Sieges der ächten Menschenverbrüderung und der Wahrheit über alle Abschließung und alle partielle Wahrheit freue, daß diese Macht durch den plötzlichen Umschwung, den sie herbeigeführt, edle Gemüther