Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1932)
- Article
- Zur Geschichte der jüdischen Fürsorgeerziehung in Deutschland
- Date
- 1932-11-01
- Page
- Seite 497 (sequence 14)
- Language
- German
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■GESCHICHTE JÜDISCHER FÜRSORGEERZIEHUNG daß die jugendliche Individualität bei Aufstellung des Arbeitsplanes weniger berücksichtigt wird. Heute gehl man über die bloße Beschäftigungstherapie hinaus, versucht weniger durch äußeren Zwang als durch SchalVung der inneren Bereitschaft die Aktivität des Jugendlichen zu einer Arbeitsleistung zu nützen, die ihm sinnvoll erscheint. Darum die heutige Forderung: Ausbildung zum Beruf! Die Fürsorgeerziehung, die auch in ihrer idealsten Form einen so starken Einschnitt im Leben des Jugendlichen bedeutet, und ihn so sehr aus seiner natürlichen Lebenssphüre herausreißt, soll die Schwierigkeiten für den einzelnen nicht noch dadurch erhöhen, daß man seine früher bereits begonnene Ausbildung unterbricht, bezw. ihn erst später als den außerhalb der Anstalt lebenden Jugendlichen dem Berufsleben zuführt. Man bemüht sich deshalb jetzt, dem Minderjährigen in der Anstalt eine Ausbildung zu geben, die seinen Berufswünschen und Berufsneigungen weitgehendst entspricht. Man lehnt deshalb für den großstädtischen Jugendlichen — und um diesen handelt es sich doch erfahrungsgemäß meist in der Fürsorgeerziehung — die ausschließliche Beschäftigung mit der Landwirtschaft ab. Denn die Praxis hat ergeben, daß die meisten Jugendlichen sich später von der Landwirtschaft ab- und einem anderen Beruf zuwenden. Die Forderung nach einer individuellen beruflichen Ausbildung (ludet allerdings ihre Grenze in den beschränkten Ausbildungsmöglichkeiten innerhalb der Anstalt. Man ist heute bestrebt, den Aufenthalt in der geschlossenen Anstalt soweit wie angängig abzukürzen, Berufsausbildung möglichst in die freie Lehre zu verlegen und die Jugendlichen in halbolTenen Heimen unterzubringen. Es soll nur eine selbstverständliche Feststellung sein, wenn darauf hingewiesen wird, daß sich mit dem Wachsen der Anstalten, mit dem größeren Yertraulwerden der hier vorliegenden Probleme der Kreis der Beschäftigungsmöglichkeiten für die Jugendlichen erweiterte. Aus der Beschreibung eines Wintertages in der Anstalt Repzin aus dem Jahre 1907 ersehen wir, daß neben den landwirtschaftlichen Winterarbeiten, wie Dreschen usw. handwerkliche Arbeiten im Vordergrund stehen. In einer neu eingerichteten Hobelbankwerkstätte werden die Jugendlichen mit Holzarbeiten beschäftigt. Schneiderunterricht findet statt, in der Waschküche betätigen sich die Jungen beim Reinigen der Wäsche: Holzpantinen fertigen sie an, auch ihre Strümpfe stopfen sie selbst. Wenn also die Beschäftigung eine sehr vielseitige ist. so ist die grundsätzliche Einstellung die gleiche. Nicht die individuelle Neigung des Jugendlichen