Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1932)
- Article
- Jüdische Illusionen
- Date
- 1932-09-01
- Page
- 406 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ILLUSIONEN Von Emil Bernhard Colin Das alte Sprichwort, daß der Jade fürs Gewesene nichts gebe, ist bekanntlich ebenso schief wie falsch, denn gerade der Jude, wofern er wirklich, das heißt geistig ein Jude ist, gibt fürs Gewesene nicht bloß etwas, sondern alles, und weil er das tut, hat er sich als Gemeinschaft in vollem Glauben und voller Größe erhalten. Und trotzdem steckt wie in jedem Sprichwort ein wahrer Kern auch in diesem, insofern nämlich der Jude als Zeitkind wirklich fürs Gewesene nichts gibt und noch für viele andere Dinge nicht. Es ist dem Juden vorbehalten geblieben, den liegrill des Tachhsmensehen zu schallen, und dieser Begrilf ist entstanden zu einer Zeit, als das Schitllein des Idealismus noch mit vollen Segeln über die Welt fuhr. Dieser Tachlismensch ist der Mensch ohne Illusionen, der für sich selber kalt und rechnerisch die Welt und das Leben bewertet und von sich ans rechnend auch von dem lieben Nebenmenschen sich nicht vorstellen kann, daß er irgendetwas aus reinem Idealismus tut. Es ist aber sehr interessant, daß über dieses Tachlismenschentum früherer Generationen es der heutigen Zeit vorbehalten geblieben ist, ein ganz neues und modernes Tachlismenschentum zu schalten, und zwar nicht ein eigennütziges Zweckmenschentum, sondern ein ganz anderes und eigenartiges: der neue Tachlismensch, und das ist vor allem der junge Mensch von heute, ist desillusioniert, bestätigt nichts als die kalte, harte Wirklichkeit, die er anpacken und bewältigen will, will sich von Problematik, Gefühlsseligkeiten und Sentimentalitäten nicht beschweren lassen und blickt voll Verachtung auf eine alte Generation, die sich an die Illusionsbilder früherer Zeiten beinahe mit Verzweiflung zu klammern scheint. Dieses neue Tachlismenschentum von heute legt es uns nahe, einmal diese Illusionen uns anzusehen, die wir uns nicht mehr machen noch machen wollen und über die die Älteren unter uns doch lauter oder leiser trauern, wenn man sie uns raubt. Fragt man Sigmund Freud, cler vor zwei Jahren über die „Zukunft einer Illusion" ein interessantes Buch erscheinen ließ, so sagt er: ..Jede Illusion ist ein Glaube, der aus menschlichen Wünschen stammt". Aber er geht noch darüber hinaus, er sagt, daß es letzten Endes eigentlich nur eine einzige wesenhafte Illusion gibt, nämlich die Illusion Gott, und daß alle Religion deshalb allmählich schwinden müsse, weil mit der Anerkennung von der Vorherrschaft der Vernunft und des klaren Verstandes der Mensch in einer sichereren Welt leben würde als früher. So klug und gescheit das auch