Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1932)
- Article
- Begegnung mit jüdischen Zeitgenossen
- Date
- 1932-07-01
- Page
- Seite 322 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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322 MENORAH in seinem Auge blitzte und gab dem Philosophen eine seltsam feudale Physiognomie. Das war der zweite Scheler. Den dritten Scheler, den geistvollen Philosophen und Soziologen, lernte ich erst später in Karlsruhe, gelegentlich eines Vortrages, kennen. Ich bestreite nicht, daß dieser Scheler — es soll noch wenigstens zwei Dutzende Schelers geben — weitaus den besten Eindruck gemacht hat. Als wir einander gegenüber saßen, war er geradezu in ausgelassener Stimmung. Er amüsierte sich darüber, daß man ahn immer noch für den Philosophen des Katholizismus halte: ,,Ich habe schon mindestens sieben Jahre nichts mehr mit der Kirche zu tun.'4 Daß Scheler mit der Kirche gebrochen hatte, war mir bekannt. Daß es schon sieben Jahre waren, erstaunte mich, da sich der schlaue Diplomat olYenbar nicht ungern im alten Nimbus sonnte. Auch von Husserl war er längst abgerückt. ,,Ich war nie eigentlich Schüler von Husserl. Ich habe nur an dem ,Jahrbuch für Phänomenologie' mitgearbeitet.'' In der ganzen Welt galt Scheler aber als Phünomenologe und er fühlte sich recht wohl dabei. Die Rede über die „Philosophische Anthropologie" machte allerdings einen außerordentlichen Eindruck. Seine Konfrontation der Anthropologie zur Theologie, des Psychologismus zur Phänomenologie zeigte klar und offen sein Abrücken vom Thoinismus und Husserlianismus. Es war eine seiner letzten Reden, denn bald darauf ging sein T o d durch die Rlätter, was mich nicht sehr erstaunte, da ich hin schon im Rednerzimmer überraschte, als er Morphium oder etwas Ähnliches zur Beruhigung der Nerven nahm. Nach der Rede waren wir noch mit ihm zusammen. Zu Arthur Drews sagte er: „Wir kommen immer näher zusammen, bald bin ich bei Ihnen." Das war natürlich eine Andeutung an die Philosophie des Unbewußten von Eduard von Hartmann. Dabei fraß er — so muß man schon sagen — eine Portion russische Eier mit dem Lötfei direkt aus der Platte. Das war der vierte Scheler, der mit dem ersten einige Ähnlichkeit hatte. Am andern Tage trafen wir uns noch einmal vor Abfahrt des Zuges.