Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1932)
- Article
- Die Berufskrankheiten der Juden im 17. Jahrhundert
- Date
- 1932-05-01
- Page
- 270 (sequence 1)
- Language
- German
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DIE BERUFSKRANKHEITEN DER JUDEN IM 17. JAHRHUNDERT Ein Beitrag zur Geschichte der Juden und zur Geschichte der Medizin Von M. Eliasberg In allen Jahrhunderten seit dem Altertum hat es einige erleuchtete Geister gegeben, die die Verhältnisse fremder" Menschen leidenschaftslos betrachtend, Ursachen und Wirkungen erkannten und auf diese Weise gewissermaßen Raum gewannen für ein aufgeklärtes Mitgefühl. Zu den hervorragendsten Geistern dieser Art gehört Bernardino R a mazzini, Er ist geboren 16«'3'l in Carpi, lenkte schon frühzeitig durch seine hervorragende praktische ärztliche Kunst die Aufmerksamkeit auf sich, halle mit der Mißgunst der Kollegen zu kämpfen. Im Jahre 1700, also aus der Feder des 67jährigen, erschien das Work, das seinen Namen unsterblich machen sollte: ,,De MorbLs Artificitm diatriba"*), eine Lehre von den gesundheitlichen Berufsgefahren und von ihrer medizinischen Bekämpfung. Man muß sich klar machen, daß dieses Werk des humanen Italieners etwa zur selben Zeit geschrieben wurde, als in England, dem klassischen Land der Soziallehr eil und der Nationalökonomie, ein Bernard de Mandcville und mit ihm viele andere hervor ragende Nationalökonomen Armut und Elend der arbeitenden Klassen noch für eine Art Naturnotwendigkeit, jedenfalls aber eine notwendige Bedingung der menschlichen Gesellschaft erklärten. R amazzini war von solcher heuchlerischen Rechtfertigung des Elends fern. Und was ihm vielleicht noch höher angerechnet werden muß, er. der geistig .hochstehende, philologisch - h i s t o r i s eh -k ü u s 11 er i s c h Ge b 51 (1 e te, de r Kenner des Altertums überwand — ein echter Arzt — auch die soziale Distanz, er beobachtete Arbeiter der verschiedensten Art, *) BernardhioRam az z i ni: „De Mortis artifieum diatriba cum supplemento". Das Werk ist f?eleventuell des 5. Kongresses für Unfallheilkunde inBudapest lateinisch neu herausgegeben worden, eine vollständige deutsche Übersetzung ist mir nicht bekannt. nicht etwa im Laboratorium oder im Krankenhaus, sondern unmittelbar bei Ihrer Tätigkeit. Er stieg in die Schächte hinab, hielt sich in den Werkstätten auf und erwarb sich — wie sein Buch zeigt — auch eine genaue Kenntnis von dem Berufsleben der Juden .seiner Zeit. Es ist sehr interessant, daß das 'M. Kapitel seines Buches, überschrieben: ..de Möl¬ bis judaeorum" die Krankheiten der Juden im Zusammenhang der Berufskrankheiten darstellt. Heule denken wir, wenn wir Krankheilen bestimmter Rassen und Völker beschreiben, zuerst daran, clatt solche Krankheiten Rassengut, das heißt Erbgut seien. Auch zu jener Zeit, als Ramazzini schrieb, hat man eine solche Meinung gehabt. ,.es gibt nur wenige unter den Juden und selbst unter den reicheren, die nicht an juckenden Hautausschlägen leiden, so daß man schon geglaubt hat, das sei bei ihnen erblich"'. Aber gerade gegen diese Anschauung wendet sich Ramazzini. Er zeigt, wie es ganz und gar die ungesunde Berufstätigkeit ist, die zu den mannigfachsten Erkrankungen führt. ..Die Frauen müssen bis lief in die Nach! hinein bei vollkommen ungenügender Beleuchtung, mit Totcnkerzen zum Beispiel, nähen, so daß kaum eine jenseits des vierzigsten. Jahres nicht augenkrank und kurzsichtig ist. Dazu kommt, daß fast in allen Städten Italiens die Juden in engen Stadtteilen eingepfercht leben; die Frauen stehen immer am offenen Fensler um möglichst viel Licht bei ihrer Arbeit zu haben, daher haben sie Kopfschmerzen, Schmerzen in den Ohren und an den Zähnen, Stockschnupfen, Heiserkeit, tränende Augen, sind schwerhörig, triefäugig*' usw. Die Männer wiederum, die gleichfalls entweder zu viel sitzen bei ihrem Schneiderhanidwerk. oder in ihren engen Gassen, her-