Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1932)
- Article
- Zum Problem der synagogalen Musiktradition
- Date
- 1932-05-01
- Page
- 264 (sequence 1)
- Language
- German
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ZUM PROBLEM DER SYNAGOGALEN MUSIKTRADITION V011 Alice Jacob- L o e \s e n s o n Vor einiger Zeit erschien in Deutschland eine Sammlung synagogaler Kompositionen zeitgenössischer Autoren. Es handelte sieh um die preisgekrönten Ergebnisse eines "Wettbewerbs, an dem sich namhafte Komponisten und Kantoren beteiligt hallen. Die A'eranstal- Ding derartiger Preisausschreiben ist verdienstvoll — besonders in einer Zeit der Verarmung des synagogaleu Gesanges. Die Beurteilung und Bewertung solcher Arbeiten mag heikel genug sein. Das Resultat, soweit es in dieser Veröffentlichung vorliegt, ist leider eine Enttäuschung. Sicherlich linden sieh innerhalb dieser Kompositionen Melodien und Einfälle van Bedeutung, die aus der Tradition heraus geboren sind. Jedoch scheint der Begriff der ,,Tradition", wie er hier verstanden wurde, recht unklar und unradikal, und die Folgen, die man aus dieser traditionellen Einstellung herleitet, sind bestimmt voller Inkonsequenzen. Eine traditionelle Bedeutung erhält ein derartiges Werk ja nicht allein durch das Zitieren von jüdischen Motiven zweifelhaften Alters. Maßgebend ist erst, wie durchgreifend und wie wesentlich solche überlieferten Elemente erfal.U werden und was man mit ihnen hernach anfängt. In diesem Fall wird der Werl der Überlieferung meist in Frage gestellt, oft aber direkt dadurch zerstört, daß die Bearbeitung weder mit den Singweisen noch mit jüdischer Melodik überhaupt etwas zu tun hat. Wir haben es mit ganz willkürlichen (und dabei ganz unfruchtbaren und konventionellen) Akkordbildungen zu tun, die ebensogut unter irgend welchen anderen Melodien stehen könnten. — Aber auch in der Melodik — die sich vielfach äußei lieber, aufgeklebter Melismen bedient — herrscht nieist ein völliges Mißverständnis über den ursprünglichen Charakter. Trotz der Schwierigkeilen, die jetler Erneuerungswille auf dem Gebiete der synagogaleu Musik zu überwinden hat, ist das Aufbauen nuf der ältesten uns überlieferten jüdischen Kultmusik, die Berücksichtigung der Traditionen der orientalischen Juden als Aufgabe zu erkennen. Das setzt allerdings zunächst einmal den Verzieht auf die üblichen europäischen Musik-Aspirationen, das völlige Schlul.hnachen mit der gewohnten Musikanschauung voraus. Wenn man das gesamte Material überblickt, das hier vorliegt, so scheint der nllorienlalische Xussach, insbesondere der jemenitische, sowie das, was von diesem auf irgend eine Weise nach Europa gekommen ist und eine Anzahl aus dem Geiste dieser Überlieferungen heruus entstandener chasoniseher Hczitative, chassidischer Xigunim und Teile aus jüngeren, durchkomponierten Liturgien die intensivste Vorstellung von der ältesten Synagogalmusik zu vermitteln. Die Rückkehr zu dieser echten, altjüdischen Musik würde das Vertraut werden mit dem expressiv-monotonen Charakter und mit den Tonsyslemen des allen Orients ialso mit der Pentalonik. den Viertellönen usw.) zusammen mit allen geistigen und emotionalen Inhalten, die dieser Musik zugrunde liegen, notwendig machen sowie das ebenfalls aus ihrem Wesen resultierende Wiederaufnehmen des einstimmigen Geineindegesangs. Nach der europäischen Homophonie und Polyphnnie, die sich — ein Zeichen des Gallith — in die jüdische Kultmusik verirrt haben, wird der Weg zu dieser neuen Einung vielleicht zunächst einmal über eine uns fremd anmutende, scheinbar-anarchische Polyphnnie gehen, geboren aus der chaotischen Fülle der Traditionen. Sprachen und Dialekte. Vorläufig haben wir es jedoch mit dein jungen europäischen Tempelgesang zu tun. Die modernen Versuche auf dem Gebiete der synagogiden Musik — also mindestens die etwa von Sulzer an — kranken trotz ihrer unbestrittenen Meriten fast alle an den glei-