Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1932)
- Article
- Der Sohar
- Date
- 1932-05-01
- Page
- 241 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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DER SOHAR Von David Feuchtwang Gegen Ende des dreizehnten Jahrhunderts trat aus mysteriösem Dunkel das wundersame Buch hervor, das „Glanz" hieß und Licht verbreiten wollte über letzte metaphysische Fragen und Lösungen von geheimnisvollen Rätseln und Zweifeln verhieß, die seit jeher das Denken und Sinnen der jüdischen und nicht jüdischen Menschen beunruhigten, welche über Sinn und Wesen der Gottheit und der Welt Klarheit und Wahrheit suchten. Der einlache Wortsinn der Heiligen Schrillen hatte im Grunde genommen selbst den treuesten Behütern und Beobachtern des Gesetzes und der Lehre niemals genügt. An das schrittlich niedergelegte Wort wurde stets als notwendige Ergänzung eine mündliche Überlieferung geknüpft. Es entspricht den geschichtlichen und psychologischen Gesetzen, daß mündliche Überlieferungen der Niederschrift vorausgehen und nachfolgen. Die coditicierte Form ist immer Endpunkt einer Jangen Entwicklungsreihe und Ausgangspunkt neuer Entwickhmgsgestaltungen. Gilt das vom rein gesetzlichen Teile der Heiligen Schrift, dann um so mehr vom nicht gesetzlichen: erzählenden, ethischen, religiösen, metaphysischen. Das in starre, feste Form gegossene Gesetz der ..Thorah" oder vielmehr ..Thoroth"* verlangte unerbittlich Interpretation und Anwendungsregeln. Bei aller scheinbaren Prägnanz und Präzision waren zahllose Lücken fühlbar, sichtbar, die ausgefüllt werden mußten, sollte die Überführung aus der Theorie in die Praxis überhaupt möglich werden. Bedenkt man, daß sich diese Gesetzeslehre auf das ganze menschliche, jüdische Individual- und Gesamtheitslebcn erstreckte, so kann leicht verstanden werden, welche Fülle von Überlieferungsgut jeder Codiücierung jeder Zeit vorausgehen und nachfolgen mußte. Falsch wäre die Annahme rein willkürlicher Ableitung der schier unerträglichen und unendlichen Reihen von lausenden Gesetzen aller Wichtigkeits- und Geltungsgrade aus purer Freude am Auslegen und Unterlegen, wenn auch die Lust daran nicht zu verkennen ist. Es ist doch häufig so, daß für uralten Gebrauch eine Stütze im ..Wort'" der Schrift gesucht wird. Im Charakter der „Schrift"' selbst liegt der letzte Grund für alle später entwickelten Gestaltungen ihrer Lehren und Überlieferungen, sogar für die logisch und philosophisch fundierten Interpretationsregeln antiker, talmudischer Zeiten. Womit nicht gesagt sein will, daß auch unendlich Vieles in diesen Rahmen nicht zu fassen ist. Gesetz und Lehre gegenüber hatte man jedoch