Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1932)
- Article
- Der Geist im Wort und der Geist in der Tat
- Date
- 1932-05-01
- Page
- Seite 191 (sequence 5)
- Language
- German
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DER GEIST IM WORT 191 um so eher in Gefahr sind, in je reinerer und höherer Weise sie ihren Typus repräsentieren. Andererseits wieder ist dem negativen Typus das S t r eben oder zum mindesten eine — zuweilen kaum bewußte — Sehnsucht nach der Wesenheit seines positiven Gegentypus eingeboren, manchmal verbunden mit dem Wissen um die Vergeblichkeit dieser Sehnsucht, was auch hier zu nahezu tragischen, im Grunde aber doch nur tragikomischen Konflikten führen kann. Noch öfter aber kommt es vor, daß der negative Typ geneigt ist, sich entweder als den entsprechenden positiven Gegentyp zu fühlen oder doch sich als solchen aufzuspielen, auch wenn es ihm mehr oder weniger bewußt ist, daß sein Reich innerhalb des negativen Gebietes beschlossen ist Solche Repräsentanten des negativen Typus wirken in ihren angemaßten Rollen je nach Begabung, Charakteranlagen, äußeren Umständen lächerlich, unverschämt oder beklagenswert; manchmal aber gelingt es ihnen, durch Gewandtheit oder auch durch Naivität über ihre eigentliche Natur auch den Menschenkenner eine gewisse Zeit hindurch zu täuschen. Manche Repräsentanten des positiven Typus sind verdammt, zeitlebens unerkannt auf Erden zu wandeln oder sogar für den entsprechenden Gegentyp zu gelten. Für manche wieder bedarf es eines großen Anlasses, damit sie sich als das erweisen können, was sie wirklich sind. Bleibt ein solcher Anlaß aus, so kann es geschehen, daß ihnen zeitlebens ihr eigenes Wesen verborgen bleibt oder ihnen nur ahnungsweise schmerzlich zu Bewußtsein kommt. Mancher Repräsentant des positiven Typus wandelt, mit Absicht in den Gegentyp verkleidet, auf Erden umher; mancher gefällt sich dauernd aus irgendeinem Grunde in dieser Rolle eines Gegentyps, mancher spielt sie aus Ekel weiter („an der Menschheit verzweifelnd" oder ,,sie verachtend"), nicht selten tritt auch eine Art von M i m i k r y ein, so daß zum Beispiel mancher Staatsmann von dem Gewimmel der Politiker um ihn, mancher Priester nicht von den Pfaffen — gelegentlich selbst für den Kenner — zu unterscheiden ist. Es geschieht sogar manchmal, daß der positive Typ eine Sehnsucht darnach empfindet, sein Gegentyp zu sein, insofern er nämlich diesen beneidet — um dessen Unbeschwertsein, dessen innere Unverantwortlichkeit und die dadurch zuweilen gesteigerten Möglichkeiten eines höheren Wirkens. Ein bedeutender Anlaß kann den Repräsentanten des negativen Typs für beschränkte Dauer, natürlich immer nur