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Menorah · 1932-03-01 · Heft 3-4 (März 1932) · p. Seite 179

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
10 (1932)
Issue
Heft 3-4 (März 1932)
Article
Goethe und seine Propheten
Date
1932-03-01
Page
Seite 179 (sequence 2)
Language
German
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GOETHE UND SEINE PROPHETIN 179 Geheimrai, dem „Zeitablehnungsgenie", da strebt, diese Jüdin danach, ihm Widerhall und Wirken in seinem deutschen Volke zu schatten. Darum begrüßt sie mit Begeisterung den Pinn eines Thealerdirektors, Goethe um ein Zeitstück zu bitten, das in ganz Deutschland zur selben Stunde aufgeführt werden sollte. „Zur T a t würde er dem deutschen Volke das rohe Ereignis der Zeitg«' mh ieh t e u m scha fl'e n!" In den Jahren eignen Reifens sieht sie dann bei Goethe den Inhalt ihrer eigenen 1 .i'bensgedanken wieder; sie bebt seinen Blick für das breite Leben und besonders iür die Reformbedürfligkeil aller sozialen Einrichtungen hervor. Und wenn die fortschreitende Entwicklung der Menschheil die Lieblingsidee ihrer Spälzeit ist — jenes Erbe, das die Zeit Mendelssohns und Lessings den .Inden der nächsten Generation hinterlassen hatte — so sieht sie jetzt auch den großen (uiethe unter diesem Blickpunkt: als ein (died in dieser gewaltigen Kette. Dann aber kommt die letzte Zeit ihres Lebens. Da kehrt sie sich ab von allem Eirnis der Kultur, von altem Bücherwissen, den natürlichsten Dingen zu ,.es hat sich aus-!4egnadigefniuL nenne mich Rahel!" sagt sie in ihrer letzten Krankheit zur treuen Dore. End auch hier wieder begegnet sie — so scheint es ihr — Goethe auf ihrem Wege, dem ..natürlichsten Menschenkinde", wie sie ihn einmal nennt. Als er stirbt, da . .. wird sie ganz still. Nur an die natürlichsten Dinge kann sie denken: Rosendult, Mairegen. Kinderküsse... „Goethe fühlts nicht mehr. Ein großer Zeuge fehlt . . (jr an/, anders als Betline Brentano, die ein wenig eitel und gefaltsüchtig wie sie war. keine Ruhe halte, ehe sie nicht in Weimar ihrem Gotle an den Hals geflogen war, hat sich Rahel Levin ihr Leben lang beinahe bewußt von persönlicher Berührung mit Goethe ferngehalten. »Ie.li habe Unendliches von ihm gehabt, er nichts von mir", so begründe! sie einmal ihre scheue Zurückhaltung. Dreimal führt sie das Leben dann doch in seine Nähe. In Frankfurt hat Goethe, der sie einmal vorher im Badeort getroffen hatte und von ihr wußte, zufällig ihre Anwesenheit erfahren und läßt sich um zehn Uhr morgens bei ihr melden. Die zarte und reizbare Frau hat eine schlechte Nacht hinter sieh, ist gerade beim Anziehen, fühlt sich unglücklich im Gefühle ihrer ,.1'ngrazie", ihres schlechten Aussehens. Aber sie opfert die Eitelkeit, um ihn nicht warten zu lassen; kommt, wie sie ist... und fühlt dann, daß ihr alle die glühenden Worte, die in ihr brennen, entgleiten und sie ihm nicht sagen kann, was in ihrem Herzen lebt . . . Tragikomische Geschichte von diesem Augenblick, der eine langjährige Erwartung erfüllte und versagte: nachdem er gegangen ist, zieht sie ihr schönstes Kleid an. Denn, wie einer ihrer Freunde, hat sie jetzt das Gefühl ..unter Brüdern zehntausend Thaler mehr wert zu sein: Goethe war bei mir." Sie hat die Zurückhaltung gegen ihren Helden niemals bereut. Freilich, wenn sie Bett ine von Arnim im Parke von Monbijou traf und die ihr begeisterte Goethe-Rhapsodien vordeklamierte, da schwieg sie wie das Grab. ,,Keusch und unentweiht, durch ein ganzes unseliges Leben bin bewahrt", konnte sie schließlich Goethe ihre Verehrung zeigen, als Cotta, ohne ihren Namen, Briefe von ihr an Varnhagen gedruckt hatte. Und Goethe wußte die ferne, kleine Jüdin zu würdigen: ,,Sie ist stark in jeder ihrer Empfindungen und doch leicht in jeder Äußerung . . . jenes macht, daß wir an ihr die große Originalität bewundern, und dies, daß diese Originalität liebenswürdig ist .. . Sie ist. was ich eine schöne Seele nenen möchte . . . eine merkwürdig auffassende, vereinende, nachhelfende Natur . . . Sie urteilt nicht, sie hat d e n G e g e n s t a n d." Später hat Karl Hillebrand einmal selbst Rahel mit Goethe verglichen: in ihrer grenzenlosen Rezeplivität, die seiner grenzenlosen Produktivität entsprach. — Diese Worte Goethes aber bedeuteten für die bescheidene Berliner Jüdin Bestätigung ihres tiefsten Wesens... „den Ritterschlag".

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