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Menorah · 1932-03-01 · Heft 3-4 (März 1932) · p. 178

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
10 (1932)
Issue
Heft 3-4 (März 1932)
Article
Goethe und seine Propheten
Date
1932-03-01
Page
178 (sequence 1)
Language
German
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GOETHE UND SEINE PROPHETIN Von Bertha B a d t - S t r a u s s ,,Ben Bag-Bag spricht: Wende sie hin und her — denn alles is| in ihr. Schau in sie hinein und lehe in ihr - denn nichts Besseres gibls als sie.*' 'So sprachen unsre Väter von der Gotteslehre. Aber da wuchs in einer Berliner StraÜe des beginnenden 19. Jahrhunderts eine junge Jüdin auf, die . . . ..wußte nichts von Joseph'" und wußte nichts von Moses und den Propheten. Gewiß: Rah et L e v i 11 hat die innere Leere ihrer imjiidischen Erziehung, ihr Elternhaus, das vom Judentum nichts als die Demütigungen, denen man um seinetwillen ausgesetzt war. zeitlebens als ihr Unglück empfunden — hiller schwingt dies Gefühl in ihren verzweifelten Klagen über ihre jüdische Geburl mit. Aber ihr Gluck war: in ihrer Dachkammer, wo sie lebte, hebte, tili, sich empörte, da lernte sie Goethe, kennen, isi mit ihm „aufgewachsen", lv.it ihn ..unendlich vergötfeiT\ In ihm findet sie. was ihre Ahnen in der Thora fanden; in ihn schaut sie hinein, mit ihm lebt sie und wird sie reif. ..Lesen Sie Goethe, liebe Tochter, wie man die Bibel im Unglück liest", das ist ihr Wort an eine unglückliche Freundin. So seltsam es klingen mag: Rubel Kevins Goetbeverehrung erscheint als ein Erbe ihrer jüdischen Ahnen. Gewiß, Babel Levin, die unscheinbare Berliner Jüdin, um deren Freundschaft die klügsten Männer der Zeit sich bemühten, weil sie ganz und gar sie selbst war . . . Babel Levin lebte imDeulschlandGoethes, der Humboldts. Schlegels und Beltine Brentanos. Aber man darf nicht vergessen, daß der gebildete Mittelstand jener Zeit statt Goethe und Schiller lieber zu — Kotzebue griff; und auch die geistigen Freunde Bahels lasen Goethe mit andern Augen als Babel es lat. Friedrich Schlegel will neue Grundgesetze der Poesie in ihm entdecken; Betline, „das Kind", hüllt das Bild des Gottes, das Bild Goethes, in schillernde Weihrauehnebcl — - alles helle Licht fällt auf sie selbst, die Priesterin am AHare. Ganz anders Rahel. Sie ist die Einzige, die Goethe als G a n z e s zu erfassen sucht und sich ihm ganz, bis zur Vergessenheit ihres eignen Selbst, hingibt. Alle Gedanken, so sagt sie einmal, kommen zu ihr am ersten in menschlicher Gestalt. Und so sucht sie denn auch hinter Goethes einzelnen Worten und Werken den M e n s ch e n. 'das Ganze dieser unvergleichlichen Erscheinung. Merkwürdig modern erscheint sie uns dabei: wie mancher heut Goethes Romane nicht mehr liest, der dennoch von seinen LebensäiiUemngen. von dem Kunstwerk seines Lebens tief angerührt wird — so findet auch sie in Goethe zunächst nicht den Dichter, sondern den M e n s c h e n. den unbekannten Freund, der durch alle Höllen mit ihr schreitet, der alles durchlilt, was sie selbst durchleiden mußte. An Goethe erkennt sie sich selbst. Nicht in hingerissener Verzückung wie Bettine selbsttätig erlebt sie Goethe; und weiß ganz genau, daß auch der größte Dichter „nur ein Probierstein'" ist. an dtMii man sich beweisen kann. ..Ohne ihn muß man alles sein". Kindlich unschuldig klingen die ersten Töne 'dieses Goethe-Liedes in ihren Briefen an den Jugendfreund David Veit, der bei Goethe in Weimar war — es bleibt noch ein Spiel. Nun aber entfaltet sich ihr Leben. Als sie das große Leid der Liebe erfährt, da fragt sie sich ..sollte Goethe mit Bedacht alle diejenigen haben sterben lassen, denen die Liebe das ganze Leben in sich aufnahm?" Und nun hndet sie ihre eigne Tragik im Kampf Wilhelm Meisters wieder. Tragik des Herzens, das seinen eignen Weg nicht gehen darf; zermürbender Kampf gegen die Prosa imsres infamen kleinen Leibens. Das ist die erste Periode ihres Goethebildes: Goethe lehrt sie. das Leben ihrer Seele 7Ai verstehen. Dann aber treten Krieg und Gemeinschaftsarbeit in ihr Leben. Und während sich die Jugend von Goethe abwendet, dem

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