Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1932)
- Article
- Lombroso
- Date
- 1932-03-01
- Page
- Seite 175 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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LOMBROSO 175 Die Beobachtung des seelisch anormalen Menschen, der besonders abwegige geistige Merkmale aufweist, verführte ihn zu einer neuen umstrittenen, eigenwilligen Behauptung. Eine ausführliche Arbeil, die Hunderte von Beispielen umfaßt, behandelt die geistige Anomalie des Genies. Das Wesen des Genies ist besonders reizbar, nervös, es zeigt so viele Ausfallerscheinungen, eine anormale Fantasie, ein Geltungsbedürfnis, das jedes Maß und oft jede Hemmung vergessen laßt, eine Unbeherrsehlheit, die zur Rücksichtslosigkeit wird: kurz alle möglichen Züge des Genies sind so über das Maß des Taglichen hinausreichend und eigenartig, daß sie schon ein pathologisches Gepräge erhalten. Daher linden viele Genies keine Befriedigung in den Bahnen normaler Lust gewinnung. Die Spaltung ihres Wesens drängt zu Sublimierungen, die sich oft ins Groteske verlieren und so als Erscheinungen schon den Psychiater interessieren. Die beobachteten vielen Psychosen bei bedeutenden Personen legten ihm die Auffassung nahe, daß das Genie eine gehirnliche Entartung darstelle. Diese Schrift warf erst recht heiles Licht auf die Zusammenhänge von Genie. Wahnsinn und Verbrecher. Mit einem unerhörten Wahrheitsmut zeigte er an der Hand einer fast unübersehbaren Reihe von Bildern, von Einzelheiten aus dem Alltag, daß das von der Welt vergötterte Genie, diese von allen Seilen, besonders von der Nachwelt so erhaben gepriesene Größe ein zerrissener kleiner Mensch gewesen war. Nachfahre von armseligen Degenerierten, von Säufern und Geisteskranken, von Epileptikern. Vorübergehende Genialität bei Irren und Halbirren lehrte ein Eingehen auf die absonderlichen Vorstellungen der Geisteskranken und zeigte die Berührungspunkte. Nach einer Periode der schärfsten Ablehnung dieser ,,närrischen'' Theorie Lombrosos wird heute der Zusammenhang zwischen überragender, geistig schöpferischer Kraft und psychischer Anomalie durchaus imerkannt. Der Mut, den Lombroso in seinem ganzen Leben zeigte, erfüllt auch eine kleine Schrift, in der er gegen den Antisemitismus Stellung nahm. Schätze von Intelligenz und Tatkraft können nicht gehoben werden, weil ihren Trägern ein paar Tropfen Taufwasser fehlen. ,AVenn ich mir die großen Genies der deutschen Medizin vor die Seele stelle, die .luden waren, die Traube, Gohnheim, Casper, denen eine stupide Verfügung nicht einmal ordentliche Professoren zu werden erlaubte, als wenn es eine jüdische und eine evangelische Zelltheorie gäbe, als wenn das Mikrotom in rechtgläubigen Händen wahrere Schnitte unter das Mikroskop lie