Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1932)
- Article
- Lombroso
- Date
- 1932-03-01
- Page
- Seite 173 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2912821-2912916-2912919-2927981--11249-2928129- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
LOMBROSO 173 iniilie der Ohren, besonders abstehende, verwachsene, verkrüppelte Ohren u. a. Untersuchungen, Messungen an Verbrechern und Verbrecherschädeln verrieten mehr den Fleiß des Forschers als die Richtigkeit dieser These. Hatten vorher schon Gegner hämisch behauptet, Lombroso messe seine Irren mit der Schnellwage, so rief diese neue These erst recht den Spott aller Juristen und Mediziner hervor. Über die Atl'enähnlichkcit des Verbrechergehirnes ist inzwischen viel geschrieben worden. Die Lehre vom geborenen Verbrecher ist im ursprünglichen Sinne Lombrosos nicht haltbar. Der Verbrecher ist nicht in seinem Äußern zu erkennen und gewissermaßen mit dem Maß des Anthropologen festzustellen. Die Aufsehen erregende Theorie Lombrosos ist in ihrer strengen Durchführung verlassen. Aber die Tatsache, daß gewisse körperliche Degenerationserscheinungen der seelischen Veranlagung entsprechen, ist heute unbestrittenes Gemeingut der Wissenschalt. Auch der grobe Hirnbefund bei Verbrechern (Größe, Gewich!, Form etc.) weicht in den meisten Fällen von den rein äußerlichen Formen des Normalen nicht ab. Die moderne Hirnforschung gräbt tiefer. Sie findet Anomalien in den feinsten Entwicklungen einzelner Hirncentren, die sich nur mikroskopisch nachweisen lassen. Wie weit hier die Forschung noch mit Hilfe der Mikroskopie in den heute bekannten Großhirnfeldern typische Veränderungen, Verarmungen der Struktur des Gewebes, mangelhafte Entwicklung oder ähnliche Merkmale feststellen kann, wird die Zukunft lehren. Aus dem wilden Bück, der schiefen Nase, der schmalen Stirn und den zusammengewachsenen dünnen Augenbrauen den asozialen Mensehen zu diagnostizieren, ist nicht möglich. Auch der rückfällige schwere Verbrecher läßt sich nicht mit Sicherheit anthropologisch feststellen, ebensowenig wie die Prostituierte, die nach Lombroso eine Art von Rückfall des Weibes in eine atavistische Form darstellt. Die Rechtswissenschaft des XIX. Jahrhunderts baute sich auf der Annahme der Willensfreiheit des Menschen auf. Nach ihr waren die Schädlinge der Gesellschaft für ihre Taten voll verantwortlich. Das Straf recht aller zivilisierten Völker zog daraus Konsequenzen. Lombroso hat mit seiner Theorie diesen ganzen festen Bau erschüttert. Wir wissen heute genau, daß es den geborenen Verbrecher gibt. Jede Handlung, besonders jede asoziale Tat kann milieubedingl sein. Sie kann aber ebenso sehr und vielleicht in noch stärkerem Ausmaße Folge einer angeborenen Veranlagung sein. Der geborene Verbrecher lebt heute nicht nur in der Fantasie eines Lombrososchülers; die moderne Kriminalpsychologie empfängt von der medizinischen Ver-