Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1932)
- Article
- Demütigung und Erhebung
- Date
- 1932-03-01
- Page
- Seite 102 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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102 M ENORAI1 geschildertem Staub ganz entstellt war. Und dann? Und unmittelbar nach solcher Entwürdigung? Unmittelbar oder wenige Stunden danach, am Abend, bei Sternenscheiii, war er zu der Stätte Luz gelangt, einer Ortschaft, die er nicht kannte, da überhaupt diese ganze Gegend ihm schon fremd war — gelegen an einem der zumeist terrassierten und mit Wein hepilanzten Hügel, in denen die Landschalt hinsclnvang. Die wenigen Häuserwürfel des Dorfes drängten sich in halber Höhe des von Pfaden durchlaufenen Abhanges zusammen, und da eine Stimme von innen dem verarmten Heisenden zuredete, hier Nachtquartier zu machen, so trieb er sein über den kläglich-stürmischen Zwischenfall noch ganz erstauntes und etwas bockiges Kamel, vor dem er sich etwas schämte, den Hügel hinan. An dem Brunnen außerhalb der lehmigen Umfassungsmauer tränkte er das Tier und wusch sich selbst die Spuren seiner Schande aus dem Gesicht, wodurch bereits seine Stimmung sich beträchtlich hob. Bei den Leuten von Luz aber Einlaß zu begehren, vermied er trotzdem, da er sich als Bettler fühlte, sondern führte den lebenden Besitz, der nun sein alles war, um Zügel über die Ortschaft empor, ganz aufwärts bis zu des Hügels gestumpftem Gipfel, dessen Anblick ihm denn zu bedauern gab, daß er nicht früher, nicht rechtzeitig hieher gelangt war. Denn ein heiliger Sieinkreis, ein Gilgal. kennzeichnete den Ort als Freistalt, und dem hier Fußenden hätte Jung-Eliphas. der Straßenräuber, nichts anzuhaben vermocht. In der Mitte des Gilgals war ein besonderer Stein, kohlschwarz und kegelförmig, aufgerichtet, ein olfenbar vom Himmel gefallener, in dem Sternenkräfte schlummerten. Jaakob hob fromm seine Augen und Hände empor und fühlte sich noch gestärkter. Hier wollte er die Nacht verbringen, bis der Tag sie wieder verbarg. Zur Kopfstütze wählte er einen der Steinklötze des Kreises aus. Komm, sprach er, tröstlicher alter Stein, erhebe dem Friedlosen das Haupt zur Nacht! Er deckte sein Kopftuch darüber, streckte sich aus, das Haupt gegen die phallischen Himmelsslämnilinge erhoben, blinzelte noch ein wenig in die Sterne und entschlief. Da ging es hoch her. cla geschah es ihm, da ward ihm wirklich, wohl mitten in der Nacht, nach einigen Stunden des tiefsten Schlafes, das Haupt erhoben aus jeder Schmach zum hehrsten Gesicht, in welchem sich alles vereinigle, was seine Seele an Vorstellungen des Königlichen und Göttlichen barg, und das sie. die gedemütigte, die insgeheim ihrer Demütigung lächelte, sich zu Trost und Befestigung hinausbaute in den Raum ihres Traumes . . . Er träumte sich nicht von der Stelle. Auch