Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1932-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1932) · p. Seite 88

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
10 (1932)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1932)
Article
Das Judentum in der neueren italienischen Literatur
Date
1932-01-01
Page
Seite 88 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2912821-2912916-2912918-2927773--11094-2927926
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

88 MENORAH neunzehnten Jahrhunderts zur wirklichen Kunstform entwickelten. Dabei blieb Canloni im Grund immer mehr Philosoph als Schriftsteller, und die wenigen Novellen, die er nach dem Typus der englischen Short Story schul', sind eben mehr durch das Beispiel, das sie gaben, berühmt geworden als durch ihren eigenen künstlerischen Wert. All das aber reicht nicht suis, daß man von einer jüdischen Literatur in Italien vor dem Krieg überhaupt sprechen kann. Erst der Krieg schuf eine gewisse Wandlung. Unter dem Einfluß der zionistischen Bewegung — so klein und schwach sie auch an Zahl im Vergleich mit anderen Ländern ist — entwickelte sich in den letzten fünfzehn Jahren so etwas wie eine bewußte jüdische Geistigkeit innerhalb des italienischen nationalen Lebens. Das ist um so bemerkenswerter, als diese Bewegung nicht als Reaktion gegen irgendwelche Verfolgungen oder antisemitische Strömungen aufzufassen ist. Die italienischen Juden hatten nie unter einem Antisemitismus zu leiden, der sie daran gehindert hätte, ihre Fähigkeiten im öffentlichen und privaten Leben voll zu entwickeln und zu betätigen. Es handelt sich hier vielmehr um eine Art rein geistiger Besinnung auf eine uralle Kultur und nationale Eigenart, die von der italienischen doch wesentlich verschieden ist. In dieser „neu jüdischen" Bewegung spielen einige Männer eine große Rolle, die die Werke der modernen italienischen Literatur auch über d'ie Grenzen Italiens bekannt gemacht haben. Unter ihnen sei nur Adriane Tilgher genannt, der bekannte römische Essayist und Kritiker, dessen scharfe und witzige Beleuchtung der ultramodernen literarischen Bewegungen berühmt geworden ist. Er war es auch vor allem, der sich als Mittler zwischen der deutschen und italienischen Literatur des letzten Jahrzehnts große Verdienste erworben bat, und wenn wir heute die Spitzenleistungen der italienischen Autoren so kennen wie die unseren, darf der Name Adriano Tilgher nicht übergangen werden. Das erwachende jüdische Bewußtsein, von dem soeben die Rede war, bringt noch eine andere Erscheinung mit sich, die die allergrößte Beachtung verdient. Dadurch nämlich, daß in manchen starken und geistig den Durchschnitt überragenden Individuen die Klarheit darüber entsteht, daß sie, obwohl gute Ilaliener, doch als Juden aus dem Zusammenhang fallen, in den sie sich bisher widerspruchslos eingefügt haben, bilden sich in diesen Menschen Widersprüche, die nach einer Lösung verlangen. Es lag daher nahe, daß die jüdischen modernen Schriftsteller diesen neuen Konflikt in ihren Büchern behandeln würden, und1 so erklärt sich das Erscheinen zweier sehr interessanten Romane „Jörn Itakkipurim" von M o p u r g o und ,,Remo Mann, avvocato" von G r e c o. Ja, auch auf der anderen Seile wird dieses Problem bereits begriffen und mit einer Schürfe diskutiert, die den Italienern bisher fremd war. Wir sprechen von dem Roman „Ebrei" des katholischen Schriftstellers Mario Puccini, über den wir in einer der letzten Nummern der „Menorah" berichtet haben. Man sieht: spät aber doch ist die Frage der Einordnung des Juden in eine nationale Kultur auch in Italien Problem geworden. Dinge, die auf so uralten Verschiedenheiten beruhen, lassen sich eben nicht auf die Dauer totschweigen. Freilich ist in keiner Weise abzusehen, wohin diese Diskussion über die Rolle des Juden im heutigen Italien führen wird; und fast scheint es müßig, darüber jetzt schon Betrachtungen anzustellen. Ist doch die Welt in einer Entwicklung begriffen, die uns morgen vor ganz neue Situationen stellen kann. Wer weiß, ob das so spät aufgerollte Problem nicht von einer Welle einer ganz andersartigen Ideologie hinweggeschwemmt werden wird?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.