Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1932)
- Article
- Das Judentum in der neueren italienischen Literatur
- Date
- 1932-01-01
- Page
- 87 (sequence 1)
- Language
- German
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DAS JUDENTUM IN DER NEUEREN ITALIENISCHEN LITERATUR Von Walter Freund Die eigenartige Rolle des Judentums innerhalb der italienischen Bevölkerung ist schon oft der Gegenstand eingehender Untersuchungen gewesen. Die Resultate, zu denen die einzelnen Betrachter gekommen sind, sind jedoch recht verschieden und überdies in einem außerordentlichen Maß davon abhängig, ob der betreffende Historiker zum Beispiel italienischer oder ausländischer Jude war. Für den italienischen Juden nämlich steht die Frage, ob er in erster Linie Italiener sei oder nicht, stets außerhalb jeder Diskussion. Dadurch bekommen die Untersuchungen italienischer Anloren etwas so ausgesprochen Italienisch-Nationales, daU der deutscht1 oder westliche Jude oft genug befremdet ist. Ein außerordentlicher Zug zum nationalen Bewußtsein als Italiener kennzeichnet überhaupt den dortigen Juden seit jener Zeil, da Italien zur politischen Einheit gelangte. Nicht lange vorher noch im Ghetto eingeschlossen, nahmen die Juden am Risorgimento derart, glühenden Anteil, daß noch heule jeder italienische Jude mit Stolz darauf hinweist, daß die Juden in den damaligen Kämpfen einen größeren Prozentsalz an Tölen geliefert haben als die übrige Bevölkerung. Mit einem Wort: die politische Bedeutung der italienischen .luden war stets größer als ihre geistige und literarische. Es ist ja bezeichnend, daß ein einziger Name eines italienischen Juden im vorigen Jahrhundert über die Grenzen Italiens gedrungen ist: der Luigi Luzzattis, des italienischen Fnianzminislers. Vom Jahre 1860 bis zum Jahre 1920 sind christliche und jüdische Autoren überhaupt nicht zu unterscheiden, ja es ist sehr oft nicht mit Sicherheit festzustellen, ob dieser oder jener überhaupt ein Jude war oder nicht (so der Schriftsteller Scerbo, der vielfach dafür gehalten wird, obwohl er es in Wirklichkeil gar nicht war). Der bedeutendste Kritiker, der in diesem Zusammenhang immer genannt wird, Alle s s a n d r o d'A n c o n a, halle nußer seiner Abstammung nichts Jüdisches an sich, und seine Arbeiten könnten ohne weiteres als die Manifestationen eines Vollblut italieners in der Literaturgeschichte 1) es lelien. Auf philosophischem Gebiet sind die Leistungen der italienischen Juden vor dem Krieg sein* gering, und auch unter den rabbini sehen Arbeiten, die religiöse Fragen und Geschichte der Religion behandeln, ist keine, die verdiente, der Nachwell übermittelt zu werden. Dagegen sind die Juden unter den italienischen Mathematikern und Anthropologen verhältnismäßig zahlreich vertreten, ein Phänomen, dessen Ursache vielleicht in dem außerordentlich stark entwickelten Wirklichkeilssinn der italienischen Juden zu suchen ist. Immerhin fanden sich auch schon im neunzehnten Jahrhundert einige Männer, die das Judentum und die jüdische Idee "würdig repräsentierten, wie S a m u 1 e D a v i d c L u z z ii l o, ein Triestiner Philosoph, der von 1800 bis 1805 lebte und zahlreiche Schriften veröffentlichte, dann aber vor allem Feiice M o in i g 1 i a n o, der als erster in Italien öffentlich die Anschauung verfocht, daß sich in den ethischen Poslulalen der jüdischen Religion eine Lösung der Probleme finde, die der europäischen Kultur gestellt seien. Weit mehr jedoch als diese ist A 1b e r l o C a n t o n i, der von 1841 bis 1904 leide, für die italienische Literatur von Bedeutung gewesen. Fr war es, der zuerst in die italienische Literatur ein Element einführte, das bis dabin vollkommen unbekannt gewesen war, jenen trockenen und zugleich witzigen Humor, den die englischen und amerikanischen Schriftsteller gegen Filde des