Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1932)
- Article
- Wandlungen im Leben der Juden Sowjetrusslands
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 8)
- Language
- German
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WANDLUNGEN IM LEBEN DER JUDEN 55 über 50% der nichtjüdischen, aber nur 14%, also dreieinhalbmal weniger, der jüdischen Arbeiter beschäftigt. In Weißrußland machen die jüdischen Arbeiter in der Bekleidungsindustrie ganze 77%, dagegen in der Torf Industrie nur 0,17% aus. Trotzdem sind die Folgen der Industrialisierung gar nicht hoch genug einzuschätzen. Die Klein Industrie und die Werkstätten sind konzentriert und mechanisiert und in eine Grol3industrie umgewandelt worden. Es ist anzunehmen, daß die Zahl der jüdischen Lohnarbeiter im gesamten Sowjetrußland, die 1926 140.000—145.000 betrug, ca. 40.000 weniger als vor dem Kriege, zurzeit mit etwa 250.000 zu beziffern ist, also etwa um 70.000 mehr als die Vorkriegszahl. Ein besonderes Kapitel sind die bolschewistischen Methoden, mit denen diese Industrialisierung durchgeführt worden ist: jüdische Jugend wurde in Tausenden nach den entlegensten Gebieten des weiten Rußland transportiert, wo sie nicht einmal mit Wohngelegenheiten, Kleidung und elementarsten Kultureinrichtungen versorgt waren. Und viele von ihnen flüchteten von den Arbeitsstätten und kehrten in ihre Heimat zurück. Die Zahl der jüdischen Industriearbeiter, die ihre Fabriken verlassen, steht aber in gar keinem Vergleich zu der Flüchllingszahl aus den Kolonien, die massenweise von ihren Siedlern im Stich gelassen werden. Wie gesagt, besteht das jüdische Proletariat in der Mehrzahl aus Beamten und Angestellten, deren Zahl stark angewachsen ist. Die Zählung von 1926 ergab für Sowjetrußland eine Zahl von über 200.000 jüdischer Beamten und Angestellten, die beinahe ein Viertel sämtlicher jüdischer Erwerbstätigen ausmacht. Heute ist die Zahl der jüdischen Beamten und Angestellten mit über 300.000 zu beziffern. Etwa 30% der erwerbstätigen jüdischen Bevölkerung sind in den Sowjetbehörden tätig und somit in hohem Maße an der Verwirklichung bolschewistischer Politik beteiligt. In den Großstädten ist ein noch größerer Prozentsatz der jüdischen Erwerbstätigen in Regierungsstellen beschäftigt: in Moskau ganze 50%, in Charkow 43,8%, in Leningrad 40,2%; in Moskau sind die jüdischen Beamten und Angestellten s i e b e n m a i m e h r als die jüdischen Arbeiter, in Leningrad dreimal mehr. Derartige Ziffern sprechen eine deutliche Sprache: unwillkürlich wird dadurch der Boden für den Antisemitismus genährt. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß die Sowjetregierung den Antisemitismus wirksam bekämpft, ihre Wirtschaftspolitik bewirkt aber entgegengesetzte Resultate. Im allgemeinen ist heute eine gewisse Besserung der Lage der