Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1932)
- Article
- Der Moslemkongress auf dem Tempelplatz
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2912821-2912916-2912918-2927748--10990-2927854- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
16 MEN ORAH von den häuslichen Ereigniss-en in Palästina ab, das bisher in der Geschichte des Islam nur eine höchst unbedeutende, wenn überhaupt eine Rolle gespielt hat. Hadj Amin hat zudem nach dem Verzicht auf die Behandlung der Kalifatsfrage als Antwort auf d'ie Angriffe der Opposition die Notwendigkeit des Kongresses ausschließlich mit dem Kampf gegen die Juden erklärt. Dadurch werden diese auch in die Sache verwickelt. Er beschuldigt sie nach wie vor, nach dem Besitz d'er Omar- Moschee zu streben und erklärt deswegen den Zusammenschluß aller Mohammedaner zur Verteidigung für nötig, besonders, da er auch den Beschluß der internationalen Kommission zur Regelung der Klagemauerfrage ablehnt. Die mohammedanische Universität soll ein Gegengewicht gegen die hebräische werden, die nach seiner Behauptung keine Mohammedaner aufnimmt. Die Juden bestreiten seine Behauptungen und weisen in einem Presse- Slalement des Vorsitzenden der Jewish-Agency-Exekutive in Palästina, Dr. Arlosoroff, daraufhin, daß sie vom Beginn der zionistischen Bewegung bis auf den heutigen Tag wiederholt feierlich versprochen haben, die heiligen Stätten sämtlicher anderer Religionen zu achten und dieses Versprechen niemals verletzten. Ebenso erklären sie, daß die hebräische Universität allen Studenten ohne Ausnahme der Religion und Rasse offen steht. In jedem Fall geht die Taktik der Einberufer des Kongresses, gleichgültig, wa>s ihre Beweggründe sein mögen, darauf hin, Palästina von einem relativ gleichgültigen Land zu einem wichtigen Zentrum der mohammedanischen Interessen zu machen. Das Begräbnis des Exkönigs Hussein vom Hedjas, der von einigen arabischen Ländern sogar als Kalif anerkannt war, macht diese zum Anfang eines Pantheons der ganzen moihammedanj sehen Welt. Der Kongreß in Jerusalem soll die heilige Stadt zum organisatorischen Mittelpunkt machen und die Augen aller vierhundert Millionen Mohammedaner auf sie lenken. Der jüdischen Front soll eine panislamitische oder wenigstens der Anschein einer solchen gegenübergestellt werden. Wie weit christliche Interessen dadurch berührt werden, muß die Zukunft lehren. Ebenso wie sie erst lehren wird, welche Rolle andere Mächte bei dieser Bewegung spielen. Manche Kreise weisen darauf hin, daß Hadj Amin kaum ohne Übereinstimmung mit der englischen Verwaltung handeln dürfte, weil er praktisch einer ihrer Beamten ist. Wenigstens ist er vom englischen Oberkonmiissar Sir Herbert Samuel ernannt worden, ist auch vom Oberkommissar absetzbar und — bezieht die Hälfte seines Gehalts direkt aus der Kasse der britischen Verwaltung. Die andere Hälfte bekommt er zwar von d'en religiösen Stiftungen, aber nur weil er vom Oberkommissar zum Vorsitzenden des Obersten Mohammedanischen Rats und damit zu ihrem Verwalter ernannt wurde. Die Engländer sind nach dieser Anschauung daran interessiert, durch Unterstützung der panislamiscben Ideen den Einfluß ihres Hauptpropagandisten in Indien, Schaukat Ali, zu stärken, da er der schärfste Gegner Gandhis und des indischen Nationalkongresses ist und für eine proenglische mohammedanische Politik eintritt. Gleichzeitig würde eine panislamische Bewegung ein gutes Gegenargument gegen die Förderung der jüdischen Nationalbewegung in Palästina sein. Sollten die Vertreter dieser Ansicht recht haben, so dürfte der Kongreß eines Rückhalts in den unter englischer Konirolle stehenden mohammedanischen Ländern sicher sein. Fraglich ist es dann aber, wie groß seine Macht in den unter französischer oder italienischer Kontrolle befindlichen mohammedanischen Gebieten sein wird. So ungewiß aber auch sein wirklicher Einfluß in der Welt Islam ist — sicher ist dias allein die Tatsache seiner Einberufung, unabhängig von seiner Zusammensetzung und der heiklen Frage, wie weit er faktisch repräsentativ ist, ein propagandistischer Erfolg für seine Veranstalter ist. Denn so fraglich es auch ist, ob die Wiederherstellung der mohammedanischen Theokratie möglich ist — in jedem Fall wird zunächst einmal das Bild des erwachenden Riesen Islam hervorgezaubert und dem Einfluß der Zauberer, die es hervorgebracht haben, nützen.