Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1931)
- Article
- Die seelische Situation der jüdischen Jugend in Deutschland
- Date
- 1931-11-01
- Page
- Seite 546 (sequence 2)
- Language
- German
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546 MENORAH Der jüdische Jugendliche vermag nicht wie sein nichtjüdischer Altersgenosse, im politischen Radikalismus die Illusion einer Zukunftsholl'nung zu linden. Er kann nicht von einem „Dritten Reich" einen Umschwung seiner Lage erwarten. Anders scheint es heim Kommunismus. Aber wenn sich junge Juden der kommunistischen Bewegung zuwenden. es geschieht in der letzten Zeit in steigendem Maße —--. so Um sie dies aus Verzweiflung oder aus rein ideologischen Motiven, nicht in der lloiVnung auf Erlösung aus i hrer Not. Ein persönlicher Wiederaufstieg könnte ihnen nur innerhalb der bürgerlichen Gesellschaftsordnung, in welche sie hineingeboren sind, winken. Abgesehen von den kommunistischen Ideologen, deren Zald allerdings nicht gering ist, von ihnen wird noch die Rede sein —-, erwarten die Massen unserer Jugendlichen in dem Umsturz des jetzigen Wirtschaftssystems keine befreiende Wirkung für sich selbst. Sie wollen wieder selbständige Kaufleute oder leitende Angestellte werden. Danach zu sireben ist ihr gutes Recht. Die Erreichung dieses Zieles ist von der Besserung der allgemeinen Lage abhängig. Politischer Kampf, dieses die Seele emporreißende und berauschende Mittel, bringt das Ziel nicht näher. Abwarten und Geduld tut not. — eine Einstellung, die der Jugend schwer fällt. Der jüdischen Jugend fehlt ferner der Trost und die stimulierende Kraft der großen Kampfgemeinschaften, in welchen sich der einzelne geborgen und auf dem Marsche zu einem gemeinsam erstrebten hohen Ziele fühlt. Selbst innerhalb des Judentums ist ein großzügiger Zusammenschluß der Jugend schwer zu erreichen. Die geographische Zerstreuung über viele große und kleine Städte, die gesellschaftliche Abschließung, der Gegensatz zwischen Stadl und Land, zwischen Ost und West und nicht zuletzt die politische Zersplitterung des Judentums tragen die Schuld daran. Von der nichtjüdischen Jugend fühlt sich der junge jüdische Mensch zurückgestoßen; selbst in der Arbeiterjugend ist er nicht restlos zuhause. Da sein Stolz empfindlich ist, sucht er den Anschluß an nichtjüdische Mitschüler und Berufsgenossen oft selbst dann nicht, wenn er keine Abweisung zu befürchten hätte. So vergräbt er sich in sich selbst und lebt in einer mehr oder weniger vollkommen seeIi schen IsoIiertheit. Damit stehen wir'bereits in der Erkenntnis der seelischen Situation. Aussichtslosigkeit der materiellen Lage, sowie äußere und innere Isoliertheit sind die beiden Faktoren, die augenblicklich den stärksten Einfluß ausüben. Folgerichtig müßten wir sagen, daß es eine jüdische Jugend im Sinne einer seelischen Gemeinsamkeit gar nicht gibt. Immerhin läßt sich feststellen, daß ein gleiches Schicksal wenigstens drei