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Menorah · 1931-11-01 · Heft 11-12 (November 1931) · p. 545

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Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 11-12 (November 1931)
Article
Die seelische Situation der jüdischen Jugend in Deutschland
Date
1931-11-01
Page
545 (sequence 1)
Language
German
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DIE SEELISCHE SITUATION DER JÜDISCHEN JUGEND IN DEUTSCHLAND er seelische Zustand einer Gesamtheit jugendlicher Menschen, die unter verschiedenen Bedingungen, in verschiedenen Gebieten Deutschlands und in einem durchaus nicht einheitlichen jüdischen Milieu leben, ist eine komplizierte psychologische Tatsache. Ihre Darstellung bedarf eigentlich einer sehr umfassenden Arbeit. Da jedoch den Lesern dieser Zeitschrift nicht mit der Aufzählung vielfältiger psychologischer Einzelheiten, sondern nur mit der Erkenntnis der wesenhaften Merkmale unseres Jugendproblems gedient ist, will ich versuchen, mit Hilfe der von mir in beruflicher und außerberuflicher Tätigkeit gewonnenen Erfahrung einen skizzenhaften Querschnitt durch das Problem zu geben. Einer Darstellung der seelischen Situation der Jugend müßte eigentlich eine Schilderung ihrer materiellen Lage vorausgehen. Hiervon wollen wir jedoch im Hinblick auf andere Publikationen absehen. Wir beschränken uns darauf, an allgemein bekannte Talsachen der materiellen Lage der deutschen Juden zu erinnern und aus ihnen die Folgerungen für unser Thema zu ziehen. Wir beginnen mit der Proletarisierung großer Schichten des jüdischen Bürgertums in Deutschland. Zu diesem vielbesprochenen Vorgang ist nur zu bemerken, daß der Ausdruck Proletarisierung ein starker Euphemismus ist; neuerdings spricht man daher von Pauperisierung. Denn die Kreise des jüdischen Mittelstandes, denen die Wirtschaftslage ihre kaufmännische Existenz und bürgerliche Lebenshaltung zerstört, haben nur ganz selten die Möglichkeit, sich auf den Arbeiterberuf umzustellen und in die Reihen des klassenbewußten Proletariats einzurücken. In der Regel sinkt der kleine jüdische Mann, dem die Existenzgrundlage des kaufmännischen Mittelstandes entzogen ist, unter die Stufe des Proletariats. Er wird zum Luftmenschen und Ahnosenempfänger. Diese Entwicklung sieht die jüdische Jugend vor sich; große Teile von ihr sind selbst unmittelbar davon bedroht, anderen verdunkelt sie die Zukunft. Aber die Jugend lebt mehr in der Zukunft als in der Gegenwart, sie will für ihre Zukunft kämpfen. Wrenn sie erkennen muß, daß jeder Kampf aussichtslos ist, dann bemächtigt sich ihrer Seele eine dumpfe Hoifnungs- und Freudlosigkeit, die nicht bloß als vorübergehende Stimmung gewertet werden kann. Von Friedrich Rülf

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